Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.
Charles Siegel
Eine Architektur für unsere Zeit
Postmodernistische Architekten beglückwünschen sich selbst dazu, wie außergewöhnlich und avantgardistisch ihre Gebäude sind. Tatsächlich aber reagieren sie nicht so auf die Bedürfnisse unserer Zeit wie die frühen Modernisten auf die Anforderungen des letzten Jahrhunderts eingegangen sind.
Modernistische Architekten vom Beginn und der Mitte des 20ten Jahrhunderts waren politisch idealistisch und radikal. Ihre Architektur brachte ihren Glauben daran zum Ausdruck, daß Modernisation und Fortschritt eine bessere Welt hervorbringen würden.
Dieser technologische Optimismus ist vergangen, und den heutigen Post-Modernisten fehlt es an dem sozialen Idealismus, der dem Werk der frühen Modernisten Bedeutung gegeben hat. Sie bemühen sich, neue Formen zu entwickeln, als wäre Neuheit Selbstzweck. Wenn wir betrachten, warum die Avantgarde-Architekten ihren Idealismus verloren haben, verstehen wir möglicherweise, welche Architektur wir in unserer Zeit benötigen.
Architektur und das Ideal des Fortschritts.
Die radikale Politik des neunzehnten Jahrhunderts basierte auf dem Ideal des Fortschritts, welches sich deshalb verbreitete, weil die Menschen der Meinung waren, daß Wissenschaft und Technologie die Lebensqualität der Menschen kontinuierlich verbessern würden.
Zur Zeit der französischen Revolution schrieb der Philosoph St. Simon, daß die Industrialisierung nicht nur die Armut besiegen, sondern ebenfalls die traditionellen Formen der Autorität hinwegfegen würde Monarchie, Aristokratie und Kirche und zu einer von technischen Experten verwalteten Gesellschaft führe. Vergleichbar hierzu glaubte Karl Marx, daß die kommunistische Revolution traditionelle Formen von Autorität beseitigen und zu einer Planwirtschaft führen würde.
Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts trieb der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen das Fortschritts-Ideal auf die Spitze, indem er für eine „Technokratie“ eintrat, die er als eine „von kompetenten Technikern mit dem einzigen Ziel der Produktionsmaximierung verwaltete“ Gesellschaft beschrieb.
Frühe modernistische Architektur war politisch radikal im Sinne von Veblen. Die dogmatischsten Modernisten waren sich sicher: Design war das Ergebnis funktionaler Anforderungen und effizientester Anwendung moderner Materialien. Wie Veblen und die Technokraten glaubten auch die dogmatisch funktionalistischen Architekten, daß in einer modernen Gesellschaft Entscheidungen auf technischer Basis getroffen werden sollten, und daß die neuen Technologien die traditionellen Formen ablösen würden.
Modernistische Architektur wurde so populär, weil das Ideal des technischen Fortschritts in der Mitte des 20ten Jahrhunderts so verbreitet war. Die schimmernden Gebäude aus Stahl, Glas und Beton halfen den Glauben zu verbreiten, daß Technologie und Planung die Kranken heilen, die Elendsviertel durch hygienische Häuser ersetzen und Wohlstand für alle bringen würde.
Modernismus als Status Quo
In den 1950er Jahren hatte der Modernismus noch immer seinen radikalen Esprit. Er stand nicht nur ästhetisch, sondern auch sozialreformerisch an der Spitze.
Während der 1960er Jahre wurde die modernistischen Visionen durchgeführt, und sie scheiterten. Von idealistischen Regierungen in Auftrag gegebene, modernistische Wohnsiedlungen verkamen zu vertikalen Slums, die noch schlimmer waren als die Elendsviertel, die sie ersetzen sollten. Schnellstraßen ruinierten Nachbarschaften, und Revolten der ansässigen Bewohner machten es praktisch unmöglich, in den Innenstädten weitere Schnellstraßen zu bauen.
Als die 1970er Jahre kamen, war Modernismus zum Status Quo geworden, und es war bedrückend. Glas-und-Stahl-Hochhäuser erhoben sich über unseren Städten und Schnellstraßen zerschnitten unsere Landschaften. Sozialkritiker attackierten den Modernismus und stellten fest, daß wir eine technokratische Gesellschaft seien, in der gewöhnliche Menschen machtlos seien und die Planer das Sagen hätten. Umweltaktivisten gründeten eine politische Bewegung mit dem Ziel, destruktive Technologien zu kontrollieren.
Der Modernismus mutierte von einer radikalen Bewegung zum Status Quo, weil unsere Gesellschaft sich veränderte. Die Modernisten hatten die traditionelle Gesellschaft des frühen 20ten Jahrhunderts im Namen von Technologie und Fortschritt kritisiert. Aber mit den gleichen Begriffen läßt sich unsere heutige technologische Gesellschaft nicht kritisieren.
In den 1970er Jahren hatte sich der Modernismus erschöpft. Da die modernistischen Stahl-und-Glas-Hochhäuser nicht länger neu und aufregend waren, begannen einige Architekten, sich Post-Modernisten zu nennen, und auf die Suche nach frischen Neuheiten zu machen, von denen die Menschen sich noch überraschen und erregen ließen.
Wie die frühen Modernisten wollten auch die Post-Modernisten DIE Avantgarde sein, welche die Gesellschaft in die Zukunft führt. Doch die Post-Modernisten verfügten nicht mehr über den sozialen Idealismus der frühen Modernisten, da wir nicht mehr in der traditionellen Gesellschaft lebten, welche die frühen Modernisten im Namen des Fortschritts verändern wollten.
Post-Modernismus hat die ästhetischen Dogmen des Modernismus beibehalten die Ablehnung historischer Ornamentik und die Suche nach „auffallend einzigartigen“, futuristischen Designs aber er steht nicht mehr für ein identifizierbares soziales Ideal. Manchmal spielen sie noch die Radikalen, wenn sie vorgeben daß ihre Architektur „konventionelle Paradigmen untergräbt“, aber da unterhalten sich bloß Professoren. Sie sind keine Angehörigen einer größeren Bewegung zur Reformierung der Gesellschaft, wie die modernistischen Architekten der Mitte des letzten Jahrhunderts dies waren.
Traditionalismus als sozialer Umbruch
Post-Modernisten kritisieren den Neuen Urbanismus häufig mit Begriffen wie „Nostalgie“ oder „Nachahmung historischer Stile“. Aber im Gegensatz zu den Post-Modernisten sind die Neuen Urbanisten Teil einer starken Bewegung zur Reformierung der Gesellschaft. Hunderte von Umweltgruppen in den USA unterstützen den Neuen Urbanismus und „Smart Growth“ im Kampf gegen die Ausbreitung der Vorstädte, um Luftverschmutzung zu reduzieren und um Energie zu sparen. Neue Urbanisten haben die Prinzipien modernistischer Stadtplanung durch die Wiederbelebung von Entwürfen traditioneller Nachbarschaften ersetzt.
Frühe modernistische Stadtplaner glaubten, daß eine zentralisierte Ökonomie unvermeidbar alle Funktionen der Gesellschaft übernehmen würde, ebenso wie die zentralisierte Industrie kleine Werkstätten ersetzt hatte. Wohnen würde man in besonders entworfenen Wohnanlagen oder Vorstädten, Produktionsstätten befänden sich in Industrie-Parks, Büros in Büro-Parks, Stadtverwaltungen in Stadtzentren und Konzertsäle in Zentren für darstellende Künste. Diese mono-funktionalen Zonen würden in großen Blocks entstehen, mit internen Straßen für den lokalen Zugang, umgeben von Schnellstraßen und Autobahnen zur effizienten Kanalisierung des Verkehrs.
Als modernistische Stadtplanung schließlich angewandt wurde, führte sie zu unserer vorstädtischen Landschaft von Zeilenhäusern, Einkaufszentren, Gewerbegebieten und Schnellstraßen. Sie führte zur totalen Abhängigkeit vom Automobil, da die großflächige Trennung der Funktionen bedeutete, daß in fußläufiger Entfernung keinerlei Dienstleistungen mehr erreichbar waren. Sie zerstörte das Gefühl von Gemeinschaft in alten Nachbarschaften, weil die Bewohner auf dem Weg zum nächsten Laden nicht mehr an den Häusern ihrer Nachbarn vorbeigingen. Sie erschuf eine triste, häßliche Landschaft aus Einkaufszentren und Parkplätzen, da die nach innen gerichteten, monofunktionalen Projekte den sie umgebenden Straßen den Rücken zukehrten.
Die Neuen Urbanisten lehnten diese Art der Stadtplanung zugunsten traditionell städtischer Modelle ab. An Stelle großer Blocks bauen sie kleinere Einheiten, damit sich der Verkehr auf viele kleinere Straßen verteilen kann. An Stelle monofunktionaler Zonen bauen sie Projekte mit gemischter Nutzung, in denen das Straßennetz unterschiedliche Nutzungen ermöglicht und ebenso attraktiv zum Gehen wie zum Fahren ist. An Stelle nach innen gerichteter Komplexe mit Parkplätzen zum öffentlichen Raum entwerfen sie Gebäude, die sich zu Bürgersteig und Straße hin orientieren. Um das zu-Fuß-gehen zu ermöglichen, bauen sie in höheren Dichten als dies üblicherweise getan wird.
Heute bauen Neue Urbanisten an Projekten, die mit von Eisen- und Straßenbahn erschlossenen Stadterweiterungen und Stadtquartieren aus dem letzten Jahrhundert vergleichbar sind. Ihr Gebrauch von Modellen aus der Vergangenheit ist eine echte Herausforderung für die moderne Ökonomie, da dieser impliziert, daß die Leute besser dran wären, wenn sie einfacher leben würden. Suburbia und das Automobil waren die Garanten für das Nachkriegswachstum, wohingegen die Neuen Urbanisten den Standpunkt vertreten, daß es besser ist, in Häusern zu leben, die weniger Land verbrauchen; in Nachbarschaften, in denen wir die Wahl haben zu Fuß zu gehen anstatt gezwungen zu sein, jedes Mal, wenn wir das Haus verlassen, das Auto zu benutzen.
Wenn von Neuen Urbanisten gebaute Stadtviertel lebenswerter sind als konventionelle, MIV-abhängige Siedlungsprojekte, so ist diese Tatsache eine reale Bedrohung für Opel, Esso und Wal-Mart ganz im Gegensatz zu den selbstbewusst radikalen Gesten der Post-Modernisten, die unsere Ökonomie nicht einmal ansatzweise herausfordern.
Vom Mangel zum Wohlstand
Wir verfügen nicht mehr über den technologischen Optimismus der frühen Modernisten, weil die wirtschaftlichen Veränderungen des letzten Jahrhunderts diesen überholt haben.
Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts hatte der Westen eine Mangelwirtschaft, und die moderne Technologie versprach, diesem Mangel ein Ende zu machen. Im Jahr 1900 betrug das Durchschnittseinkommen kaum mehr als das, was wir heute als Armutsgrenze bezeichnen, und durch die Industrialisierung stieg das Durchschnittseinkommen rapide an. Es schien, als könnte die Technologie jedem zu einem ausreichenden Einkommen verhelfen zum ersten Mal in der Geschichte.
Zu Beginn des 21ten Jahrhunderts herrscht im Westen die Überschussgesellschaft. Das Durchschnittseinkommen ist in realer Kaufkraft gemessen fünf mal so hoch wie 1900 und die meisten Menschen sind wohlhabender als sich irgend jemand noch vor einem Jahrhundert hätte vorstellen können. So besaßen Mittelklasse-Amerikaner in von der Straßenbahn erschlossenen Vorstädten im Jahr 1900 keine Fahrzeuge; nur die Reichen konnten sich Fuhrwerke leisten. 1950 besaß bereits die Hälfte aller Haushalte ein Auto. Heute verfügt jeder Haushalt über mehr als 2 Fahrzeuge, und es gibt mehr Fahrzeuge als Führerscheininhaber. Ähnliche Statistiken treffen auch auf andere westliche Länder zu.
Heutzutage sind wir nicht mehr so sehr beeindruckt von der Vorstellung, daß Modernisierung und Wirtschaftswachstum jedem ein ausreichendes Einkommen verschaffen können, da die meisten bereits über ein solches Einkommen verfügen. 1900 lebten amerikanische Arbeiter in Mietshäusern mit jeweils einer Toilette je Stockwerk, wo man eine Zinkwanne mit Wasser füllen musste, um ein Bad zu nehmen, wo Zimmer kein Sonnenlicht bekamen und die Kinder nur auf der Straße spielen konnten. Die frühen Modernisten wollten diesen Leuten helfen, indem sie „Arbeiter-Häuser“ bauten, standardisiert und unpersönlich, aber zumindest hatte jede Familie ihr eigenes Bad, Fenster ins Grüne und Spielplätze für die Kinder. Aber heute leben die meisten Arbeiter in den Vororten, und wollen mit Sicherheit nicht zurück in diese „Arbeiter-Häuser“.
Da die meisten Amerikaner heute über die „Basics“ (und mehr) verfügen, erscheint das Versprechen von Technologie und wirtschaftlichem Wachstum nicht mehr so bedeutend wie noch vor einhundert Jahren, als wir uns für Nahrung, Kleidung und Unterkunft abmühten. Gleichzeitig hat der Fortschritt Probleme verursacht, an die vor einem Jahrhundert niemand gedacht hat. Das Wirtschaftswachstum hat bereits zur globalen Erwärmung geführt, und droht ebenfalls, Energieausfälle zu verursachen. Die Biotechnologie setzt an, genetisch die Natur umzubauen als auch die Bedeutung des Begriffes „menschlich“ zu verändern.
Ein neuer Humanismus
Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts mussten wir die Modernisierung entfesseln, um durch Technologie und Wirtschaftswachstum den Mangel zu überwinden. Zu Beginn des 21ten Jahrhunderts müssen wir die Modernisierung kontrollieren, damit Technologie menschlichen Werten untergeordnet wird.
Den post-modernistischen Glauben an Innovation und Wandel um seiner Selbst Willen sollten wir ablehnen. Vielmehr müssen wir uns auf nachhaltige, menschliche Werte konzentrieren, damit wir selektiv modernisieren können. Modernisierung ist zu begrüßen, wenn sie menschliche Werte befördert, jedoch nicht, wenn sie diese untergräbt.
Wir brauchen einen kulturübergreifenden, neuen Humanismus; und er hat bereits begonnen, zu erscheinen.
In einer moralischen Philosophie benötigen wir eine Ethik, die sich auf die menschliche Natur bezieht. Wenn ein reduktionistischer Wissenschaftler wie James Watson, einer der Entdecker der DNA, behauptet, wir sollten die Gentechnik dazu benutzen, die menschliche Rasse zu verbessern, sollten wir in der Lage sein zu antworten, daß in dem Moment, in dem er beginnt, über die Veränderung der menschlichen Natur zu sprechen, ein moralisches Niemandsland betritt, in dem das Wort „Verbesserung“ keinerlei Bedeutung mehr hat. Tatsächlich beginnen Denker aller politischer Richtungen dieses zu sagen: von Bill McKibben von der ökologischen Linken, über Francis Fukuyama, bis hin zu Leon Kass auf der Rechten warnen Sozialkritiker uns vor einer „post-modernistischen Zukunft“.
Bezüglich der Wirtschaft muß uns klar werden, daß Wachstum nur so lange einen Wert hat, wie es den Menschen dazu verhilft, ein vollständiges, menschliches Leben zu führen; aber daß Wachstum als Selbstzweck eine Blamage ist. Heutzutage arbeiten Amerikaner länger und länger, um den suburbanen Standard aufrecht zu erhalten; so daß sie weder Zeit für ihre Familien, Freunde noch ihre eigenen Interessen haben. Es muß für die Leute möglich sein, wirtschaftlich einen Gang zurück zu schalten weniger zu konsumieren, weniger zu arbeiten wenn sie glauben, daß sie dadurch ein besseres Leben leben können. Es werden Stimmen von Ökologen laut, daß die wachsende Wirtschaft nicht nur unsere natürliche Umwelt bedroht, sondern auch unser Leben weniger zufriedenstellend werden läßt.
In der Kunst müssen wir den Anspruch der Avantgarde auf Neuheit um ihrer Selbst Willen überwinden, zu Gunsten eines neuen, auf nachhaltige, menschliche Werte konzentrierten Klassizismus. In der langen Tradition klassischer Kunst können wir den Fokus auf menschlicher Vortrefflichkeit sehen, so z.B. im Diskuswerfer und Michelangelos David. Tatsächlich wird diese klassische Kunst humanistischer Tradition von neu-klassischen Künstlern wie Alan LeQuire wieder betrieben.
Den Anspruch auf Neuheit gilt es auch in der Architektur zu überwinden, ebenso wie den Glauben, daß neue Technologie die Vergangenheit hinwegfegen sollte, um zurückzukehren zu Entwürfen basierend auf menschlichen Werten. Christopher Alexander hat mit seiner Theorie die Fundamente gelegt, daß wiederkehrende Muster allen traditionellen Architekturen zu Grunde liegen; ein Wissen, welches die Modernisten über Bord geworfen haben, auf das es sich jedoch zu besinnen gilt, wenn wir im menschlichen Maßstab bauen wollen.
Unterschiedliche Kulturen werden unterschiedliche Formen traditioneller Ornamentik verwenden, um diese beständigen Werte zu symbolisieren. In der westlichen Welt kann jedoch nur der klassische Stil für eine Wiedergeburt der menschlichen Werte stehen, die von der industriellen Revolution pulverisiert wurden. Natürlich erwarten wir in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Dialekte des klassischen Vokabulars, basierend auf Klima, lokalen Materialien und Geschichte: die Tradition klassischer Architektur in England und Italien ist unterschiedlich.
Die Neuen Urbanisten haben durch ihr Insistieren auf der Rückkehr zu den von den Modernisten aufgegebenen, fortdauernden Prinzipien der Stadtplanung den Weg zu diesem neuen Humanismus gewiesen, um Nachbarschaften im menschlichen Maßstab zu bauen. In der Ethik, Ökonomie und Kunst sind die neuen Humanisten noch immer eine Minderheit; jedoch hat sich der Neue Urbanismus bereits als unsere wichtigste Theorie zur Stadtplanung etabliert.
Auch Architektur kann unsere Gesellschaft zu einem neuen Humanismus führen. Genau so wie die modernistische Architektur während des 20ten Jahrhunderts den Glauben an Technologie und Fortschritt gefördert hat, so kann auch eine klassische Architektur den Glauben an beständige, humanistische Werte befördern, die wir für das 21te Jahrhundert brauchen.
Die postmoderne Zukunft
Die Skyline von Mailand wird von drei neuen Stahl-und-Glas-Hochhäusern verändert werden, bis zu 218 Metern hoch, ein 1,5 Milliarden-Euro-Projekt, finanziert von Italiens drei größten Versicherungen und entworfen von einem Team unter der Leitung von Daniel Libeskind, in den üblichen verdrehten, verzerrten Formen post-modernistischer Architektur. Da sich die Architekten selber beglückwünschen, wie avantgardistisch diese verdrehten Hochbauten sind „ ein noch nie dagewesenes Projekt ... um eine neue, spektakuläre Art von Stadt des 21ten Jahrhunderts zu erschaffen“ sagt Libeskind ist es angeraten zu fragen, wofür sie eigentlich stehen.
Zunächst symbolisieren sie die riesigen Unternehmen, die unsere Wirtschaft dominieren, genau so, wie es die letzte Generation von Stahl-Glas-Stapelware getan hat. In der Vergangenheit hatte die Wirtschaft einen kleineren Maßstab, also wurde die Stadt in einem kleineren, menschlichen Maßstab gebaut. Heute aber erheben sich diese Gebäude über den Städten und repräsentieren den Reichtum und die Macht derjenigen Unternehmen, die sie finanzieren.
Zum zweiten stehen sie für eine Gesellschaft, die sich vollständig dem Neuen und Sensationellen verschrieben hat; in der die Medien sofort über alles berichten, was neu und anders ist. Journalisten bewundern üblicherweise, wie „innovativ“ und „topaktuell“ diese Gebäude sind. Aber sie scheren sich nicht darum zu fragen, ob sie die Stadt bewohnbarer oder menschlicher machen.
Drittens symbolisieren sie ein Faible für Technik, welches uns dazu treibt, das Machbare auch zu tun. „Neue Techniken des computergestützten Entwerfens machen es möglich, verdrehte Hochhäuser zu bauen! Also müssen wir jetzt verdrehte Hochhäuser bauen.“
Post-Modernisten behaupten, daß jeder, der ihren Stil ablehnt „Angst vor der Zukunft“ hat. Sie scheinen nicht zu begreifen, daß die Entscheidungen, die wir heute treffen darüber entscheiden, was für eine Zukunft wir bekommen werden. Wenn wir Technologie mit Verstand einsetzen, besteht die Möglichkeit, daß am Ende des Jahrhunderts alle Menschen wirtschaftlich bequem dastehen und die nötige Freizeit haben, ein vollständiges, menschliches Leben zu führen.
Wenn wir jedoch dem Beispiel der Post-Modernisten folgen und all das tun, was uns die Technologie eben ermöglicht ohne zu überlegen, was dies in Begriffen von Menschlichkeit bedeutet können wir für das Ende des Jahrhunderts ökologische Krisen und den weitverbreiteten Gebrauch von Biotechnologie zur Überarbeitung von Ökosystem und menschlicher Natur erwarten.
Die verdrehten, verzerrten Formen postmodernistischer Gebäude wären das perfekte Symbol für diese post-humane Zukunft.
© Charles Siegel 2004
Charles Siegel is a writer based in Berkeley, California, and is the director of www.preservenet.com.
© der Übersetzung UMBAU-VERLAG 2004