Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.
Hillel Schocken
Anonyme Intimität
Die Entschlüsselung des Urbanen Genoms
Der Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine günstige Gelegenheit, einen Blick auf die Errungenschaften der Stadtplanung der letzten hundert Jahre zu werfen.
Das 20. Jahrhundert war Schauplatz des schnellsten technologischen Fortschreitens, das die Menschheit jemals erreicht hat. Wir wurden Zeuge der Elektrifizierung, der wichtigsten Weise, Energie zu kanalisieren und zu nutzen. Die ersten Flugversuche führten zur Landung auf dem Mond und der Erforschung der Planeten. Der primitive Fernsprecher entwickelte sich zum Mobiltelefon. Rechen- und Schreibaschine entwickelten sich zum Computer.
Die Auswirkungen der technologischen Revolution auf alle Lebensbereiche des Menschen sind gewaltig. Die Moderne Medizin vergrößert die Lebenserwartung. Die Moderne Landwirtschaft produziert Nahrungsmittel für eine schnellwachsende Bevölkerung. Moderne Kommunikations- und Transportmittel haben den Planeten zum globalen Dorf gemacht.
Obwohl all dies positive Entwicklungen sind, können wir uns den negativen Aspekten dieser Entwicklungen nicht entziehen. Der Verbrauch von Energie und natürlichen Ressourcen durch eine wachsende Bevölkerung bedroht das lebensnotwendige Ökosystem des Planeten.
Technologie wurde zur neuen Religion des 20. Jahrhunderts. Moderne Stadtplanung war stark beeinflusst von technologischen Utopien. Kraftwerke wurden als Tempel entworfen. Russische Konstruktivisten setzten Radioantennen auf die Dächer vieler Gebäude. Auto, Eisenbahn und Flugzeug erscheinen in F.L. Wrights Zeichnungen von Broadacre City als auch in LeCorbusiers Ville Radieuse und Ville Contemporaine. Die Faszination durch Technologie setzte sich fort durch die 1970er Jahre mit den Utopien von Archigram bis zur heutigen Virtuellen Stadt.
Mitte der 1960er Jahre wurde es offensichtlich, daß mit dem Ergebnis technischer Utopien, der modernen Stadt, nicht alles zum Besten bestellt war. Das Buch, daß den Anfang der Desillusionierung einleitete, war Jane Jacobs´ „Sterben und Leben großer amerikanischer Städte“. Auf eindringliche Weise verglich Jacobs die moderne Stadt mit Städten der Vergangenheit und brachte Begriffe wie Kontext, Funktionsmischung, städtischen Raum und menschliche Aktivität im Stadtgefüge wieder zurück in die Diskussion. Ihre Kritik schuf den Nährboden, auf dem sich Kontextualismus, Post-Moderne und „New Urbanism“ entwickelten.
Das Ziel dieses Textes ist es, „Anonyme Intimität“ vorzustellen, eine theoretische Basis für die Kritik der modernen Stadt wie die von Jane Jacobs. Die theoretische Analyse kann ein praktisches Werkzeug werden, das es jeder Generation und Kultur ermöglicht, ihre eigenen Städte zu schaffen ohne zu Modellen aus vergangenen Zeiten zurückkehren zu müssen.
Der Kern der Theorie ist, daß es für die Menschen ebenso natürlich ist, in einer Stadt zu leben wie es für die Bienen natürlich ist, in einem Bienenstock zu leben. Man muss keine Utopien entwickeln um zu verstehen, warum Bienen spezielle Strukturen entwickeln, in denen sie Honig produzieren. Man muss nur die Natur der Bienen studieren um den Bienenstock als direktes Resultat dieser Natur zu akzeptieren.
Alle Lebensformen auf diesem Planeten sind motiviert durch ihren Überlebensinstinkt. Dieser Instinkt ist die Grundlage der Evolutionstheorie. Homo Sapiens wird deshalb als „Krone der Schöpfung“ angesehen, weil er nicht nur genetische Informationen an die nächste Generation weitergibt sondern auch intellektuelle Informationen. Als Resultat dieser Entwicklung wurde der Überlebensinstinkt des Menschen zum Instinkt des Ewigen Überlebens. Alle menschlichen Aktivitäten lassen sich auf diesen Instinkt zurückführen. Er erklärt auch die Entwicklung von Religion, Wissenschaft, Gesellschaft, Philosophie und Kunst.
Die Stadt ist eine effiziente Umgebung für das menschliche Überleben. Das lässt sich daraus schliessen, daß Städte schneller wachsen als die Bevölkerung des Planeten. Die Menschen siedeln zunehmend aus ländlichen und dünn besiedelten Gegenden in dichtbesiedelte Städte um.
Es ist allgemein anerkannt, daß die Menschen eine soziale Spezies sind. Der Instinkt zum ewigen Überleben kann erklären, warum das so ist. Man kann sagen, daß es zu unserem eigenen Vorteil ist, in Gruppen zu leben, um unsere Chancen ewigen Überlebens zu verbessern. Die Vorteile des Lebens in Gruppen sind offensichtlich. In einer Gruppe stehen die Chancen besser, einen passenden Partner zur Aufzucht der nächsten Generation zu finden. Gruppen können sich besser gegen Feinde verteidigen. Gruppen können große, kollektive Projekte verwirklichen. Gruppen können die Vorteile von Spezialisierung ausnutzen.
Die Menschheit hat immer Gruppen gebildet, von ihrem Anfang als Stamm und Familie zu größeren sozialen Strukturen bis hin zu heutigen Städten und Mega-Cities.
Wenn wir eine Stadt planen, müssen wir uns zunächst fragen: Was ist eine Stadt? Der deutsche Philsoph Max Horkheimer hat sinngemäß einen Satz geschrieben, der (wenn man das Wort „Grund“ durch „Stadt“ ersetzt), das Grundproblem moderner Stadtplanung verdeutlicht.
„Wenn man den gewöhnlichen Menschen fragt, was mit dem Begriff „Stadt“ gemeint ist, ist die Reaktion meist Zögern und Verwirrung. Nicht, weil die Frage zu schwierig oder die Erklärung nicht in Worte zu fassen wäre. Dies zeigt eigentlich nur, daß es da nichts zu erklären gibt; daß das Konzept der Stadt selbst-erklärend und die Frage überflüssig ist.“
Es hat viele Versuche (von technokratisch bis mystisch) gegeben, „Stadt“ zu definieren. Regierungen sagen vielleicht „eine Ansiedlung von mehr als 20.000 Bewohnern“, die Encyclopedia Britannica spricht von einer „Ansammlung von bewohnten Häusern, die größer ist, als ein Dorf“. Lewis Mumford definiert die Stadt als ein „besonderes Gefüge zwecks Schaffung unterschiedlicher Möglichkeiten gewöhnlichen Lebens und kollektiver Ereignisse“. All diese Definitionen beinhalten ein Körnchen Wahrheit, aber keine bietet Werkzeuge für das komplette Verständnis einer Stadt, geschweige denn ihren Entwurf.
Dieses Papier stellt „Anonyme Intimität“ als Theorie der Stadt vor, mit der Absicht, solch ein Werkzeug zu schaffen. Der Begriff „Anonyme Intimität“ basiert auf einer Definition der Stadt, die wie folgt lautet:
„Die Stadt ist ein Ort, der es Menschen erlaubt, mit anderen Menschen Beziehungen mit unterschiedlichen Graden von Intimität aufzubauen und dabei trotzdem völlig anonym zu bleiben.“ In einer funktionierenden Stadt sollte eine Person, die ihren privaten Bereich verlässt und den öffentlichen Bereich betritt, um sich herum Menschen sehen, von denen sie nichts weiß. Es ist diese Situation, die es einem Menschen ermöglicht, ständig von potentiell neuen Kontakten umgeben zu sein.
Der häufigste Vorwurf gegen die zeitgenössische Stadt ist der, ein Mensch ginge darin verloren, würde entfremdet und erführe kein ausreichendes Gefühl von Gemeinschaft mehr. Populäre Logik hat aus diesem Vorwurf gegen die Stadt eine Vorwurf gegen die Anonymität abgeleitet. Der Einzelne kann zu anonym und einsam in einer städtischen Umgebung sein. Auf der anderen Seite ist der Begriff von Gemeinschaft üblicherweise dem von Anonymität entgegengesetzt. Üblicherweise ist „Gemeinschaft“ verbunden mit der Vorstellung kleiner Dörfer oder Nachbarschaften, wo sich jeder kennt und man sich in der vertrauten Umgebung mehr oder weniger wohlfühlt. Der Umkehrschluss führt dazu, daß das Dorf begrenzt und beengend ist und dem einzelnen zu wenig Freiraum bietet. Das Konzept der Anonymen Intimität vermittelt zwischen diesen konkurrierenden Vorstellungen.
Um ein ein Bewußtsein für das Selbst zu entwickeln, muss das Individuum eine Identität entwickeln. Um dies zu erreichen braucht es einen Teil der Gesellschaft, mit dem es sich identifizieren kann. Das Individuum muss sozusagen eine Gemeinschaft innerhalb der Stadt bilden. Und die Stadt sollte es ermöglichen, Kontakt zu einer Vielzahl von Individuen und Aktivitäten herzustellen, aus denen sich eine Gemeinschaft entwickeln kann.
Architektur und Stadtplanung verbinden ethische und ästhetische Überlegungen. Die Praxis des 20. Jahrhunderts hat die Ästhetik der Ethik vorgezogen. Bis zum19. Jahrhundert diente die Architektur dem Zweck, öffentlichen Raum zu definieren, unter Verzicht auf das Individuelle und zum Wohle gemeinschaftlicher Werte. Die Architektur des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich auf freistehende Objekte, die einzig den individuellen Charakter des Architekten als Künstler ausdrückten.
Der öffentliche Raum ist der wesentliche Bestandteil einer Stadt. Man könnte die Stadt als Komposition öffentlicher Räume, Straßen, Plätze, Parks usw. betrachten. Die Stadt besteht nicht, wie häufig angenommen wird, aus Gebäuden. Die entscheidende Aufgabe von Gebäuden in einer Stadt ist die, öffentlichen Raum zu definieren. Als Beispiel sehe man sich an, in welcher Relation das Empire State Building zu den es umgebenden Straßen steht, und im Gegensatz dazu, wie es sich mit La Defense in Paris und den umgebenden Flächen verhält, die man schwerlich als „urban“ bezeichnen kann.
Anonyme Intimität verlangt nach gleichzeitigem und vertrautem Gebrauch öffentlicher Räume durch anonyme Personen. Um dies zu erreichen, sollte öffentlicher städtischer Raum nicht als Solitär verstanden werden. Vielmehr muss er Teil eines Netzwerkes öffentlicher Räume sein, das eine zufällige Wahl des Weges erlaubt. Es ist dieser Mangel an Weg-Möglichkeiten, der den Petersplatz in Rom (obwohl von beeindruckender Größe und ästhetischem Wert) zu einer urbanen Wüste macht - jedenfalls im Vergleich zur beliebten Piazza Navona, die durch gewöhnliche Architektur von geringem künstlerischen Wert gebildet wird.
Öffentlicher Raum sollte nur in seltenen Fällen einem einzigen Zweck dienen, wie etwa eine Oper, eine Kirche oder ein Verwaltungsgebäude. Die kürzlich fertiggestellte Municipality Piazza in Jerusalem ist zwar sehr schön proportioniert und detailliert, aber trotzdem ein toter Raum, da sie keine zufälligen Passagen erlaubt und nur einem einzigen Zweck dient. Auf die Frage: „Warum bist du hier?“ wird ein Passant vermutlich antworten: „Um meine Abgaben zu bezahlen.“. Die bloße Anwesenheit an diesem Ort verrät die Tatsache, einen Bürger von Jerusalem vor sich zu haben.
Theoretiker des Urbanismus gründen ihre Analysen auf Form und Proportion öffentlicher Räume. Was sie meist übersehen ist, daß die wahre Relevanz im Verhältnis von Dimension und Proportion zur Anzahl der Benutzer liegt. Wenn eine große Anzahl zufälliger Benutzer erwartet wird, kann öffentlicher Raum ein großer Platz sein. Für eine kleinere Anzahl zufälliger Benutzer reicht oft eine Straße oder ein breiter Bürgersteig.
Jane Jacobs beobachtete die Bedeutung von Mischnutzung in älteren städtischen Gefügen und die Mängel post-industrieller Zonierung. Anonyme Intimität bietet das theoretische Fundament für diese Beobachtungen. Eine Person, die in einem zonierten Business-District unterwegs ist, verrät praktisch seinen Beruf und sozialen Status. Eine Person auf einem Uni-Campus ist wahrscheinlich ein Student. Jemand, der sich in einem Wohngebiet aufhält, lebt vermutlich dort. Sie alle geben einen Teil ihrer Anonymität auf, weil sie in diesen Umgebungen gesehen werden. Daher ist Zonierung (unter Berücksichtigung der Grundsätze Anonymer Intimität) eine stadtfeindliche Praxis.
Das „Erdgeschoss“ der Stadt sollte immer ebenerdig sein. Menschen suchen wie Bergziegen energie-effiziente Wegführungen. Städtischen Raum willkürlich anzuheben oder abzusenken reduziert Anonymität und schafft verlassene Räume.
Es muss Gründe geben, öffentlichen Raum zu benutzen. Plätze, von denen erwartet wird, daß sie von einer großen Zahl zufälliger Benutzer frequentiert werden, sollten auch den Raum für spontane Aktivitäten und eine Vielzahl von Dienstleistungen bieten. Bei weniger belebten Straßen erhöhen Wohnbebauung, Handwerksbetriebe und Geschäfte mit Orientierung der Eingänge zum öffentlichen Raum die Aktivität.
In vielen modernen Städten hat man versucht, motorisierten und Fußgängerverkehr zu trennen. In vielen Fällen führte dies zu parallelen Verkehrssystem, die jeweils nicht in der Lage sind, eine ausreichende Anzahl von Personen aufzunehmen, um Anonyme Intimität zu erzeugen. Die Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr sollte erfolgen, wenn der Fahrzeugverkehr kein Interesse an dem jeweiligen Ort hat sondern die Straße nur als Passage benutzt. Eventuell auch in dem Fall, daß ein städtischer Raum so erfolgreich ist, daß Fußgänger und Fahrzeuge um den begrenzten Raum streiten.
Mit dem Konzept Anonymer Intimität im Hinterkopf ist es nicht erstaunlich, daß die Stadtplanung durch die Geschichte eine bemerkenswerte Kontinuität aufweist. Es sollte nicht überraschen, daß der Rasterplan von den Griechen in Milet, den Römern in Timgad, den Spaniern in Barcelona und den Amerikanern in Manhattan gebraucht wurde. Der Rasterplan ist eine rein mathematische Konstruktion multipler Routen von jedwedem Punkt A zu jedwedem Punkt B. Die freie Wahl des Weges fördert Anonymität.
Der formale Ausdruck Anonymer Intimität ist „Verschiedenheit“, schon aufgrund der kulturellen, ökonomischen, technologischen und geographischen Unterschiede der Umstände jeglichen städtischen Raumes. Wir sollten uns nicht den Vorbildern der Vergangenheit zuwenden, wie der „New Urbanism“ dies vorschlägt. Wenn wir Städte unter den Umständen unserer Zeit und im Sinne Anonymer Intimität gestalten und nicht mit noch mehr Utopien, wird das Ergebnis ein wahrer Ausdruck unserer Zeit sein, der am besten unsere menschlichen Bedürfnisse befriedigt.
Das Konzept anonymer Intimität und seine Definition der Stadt, verlangt in erster Linie nach einem ethischen Ansatz in Sachen Stadtplanung, dem Ziel, menschliche Interaktion in den Mittelpunkt zu stellen, und erst an zweiter Stelle nach ästhetischen Gesichtspunkten zu entscheiden. Wie ästhetisch ein städtischer Raum auch sein mag, wenn er nicht auf ethischen Überlegungen gründet, wird er versagen. Für die Zukunft des Urbanismus ist es entscheidend zu verstehen, daß eine Stadt keine Skulptur ist. Sie ist ein menschliches Ereignis.
© Hillel Schocken 2003
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© INTBAU 2003
© der Übersetzung: Umbau-Verlag 2004