architecture & urbanism


Jacques Dewitte
CAMILLO SITTE UND DIE IDEE DES PLATZES

Vortrag an der Technischen Hochschule Wien, gehalten am 15. November 1989, im Rahmen des Internationalen Symposiums „Entwicklung-, Struktur- und Umweltprobleme in Großstadt-Agglomerationen“

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich als Philosoph mit Fragen des Städtebaus und dadurch mit Gegenständen, die philosophisch kaum oder gar nicht behandelt wurden. In diesem Zusammenhang habe ich Camillo Sittes Buch "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen" (1898) entdeckt, das mich sofort gefesselt und meinen eigenen Überlegungen Nahrung gegeben hat.

Soweit ich selbst einschätzen kann, unterscheidet sich meine Art, Sitte zu lesen, von den vorhandenen Kommentaren in zwei Punkten. Einerseits halte ich sein Buch für ein Werk im eigentlichen Sinne des Wortes, für ein "Werk des Denkens" ("Oeuvre de pensée", um den Ausdruck von Claude Lefort zu gebrauchen), das wie ein Kunstwerk eine Kohärenz hat, die in alltäglichen oder wissenschaftlichen Aussagen fehlt. Es ist mehr als eine bloße Vermittlung von Informationen: es enthält einen "Sinnesüberschuß" — genauso wie etwa ein Gebäude seine bloß funktionelle Bedeutung immer überschreitet. Daher kommt meine sehr "philologische" Art, mit dem Text umzugehen. Andererseits aber nehme ich mir die Freiheit, über die Buchstaben des Textes hinauszugehen, indem ich versuche, mit Sitte weiterzudenken. Bestimmte Ansätze, die im Werk nur angedeutet und vom Autor selbst vielleicht kaum beachtet wurden, sollten weiter ausgeführt werden. In einem solchen freien aber sachgerechten Dialog mit dem Werk sehe ich die Aufgabe des Interpreten.


Das Forum als Urbild

Wer Camillo Sittes Lebenswerk liest, merkt sehr schnell, dass der Inhalt dem Titel nicht ganz entspricht. Das Versprechen einer Städtebaulehre wird nicht eingelöst, denn es ist fast ausschließlich von Plätzen die Rede. Der eigentliche Gegenstand des Buches ist weniger die Stadt selbst als das Wesen des Platzes. Dies gründet in einer Begeisterung, die Sitte nie ganz verlassen hat, und die dem Werk seinen Impuls und seinen unüberhörbaren Ton gibt. Diese Begeisterung, die es Sitte dem Leser mitzuteilen gelingt, ist eine "Ur-Verwunderung" für ein Geheimnis, das sich nicht ganz enträtseln läßt: Was ist eigentlich ein Platz? Worin besteht die Eigentümlichkeit dieses Gebildes? Aus diesem Grund beginnt das Werk mit einer Erinnerung an die schönen Plätze, die man besucht hat, und "dessen Schönheit man sich nicht sattsehen kann" (S.1) 1, insbesondere mit einer Evozierung des Forums zu Pompeji, wenn der Besucher abends "seine Schritte über das bloßgelegte Forum lenkt" und von der Plattform des Jupitertempels "immer wieder die herrliche Anlage zu überschauen" sucht: "An einer solchen Stelle begreifen wir auch die Worte des Aristoteles, der alle Grundsätze des Städtebaus dahin zusammenfaßt, dass eine Stadt so bebaut sein sollte, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen." (S.1-2)

Nachher versteht der Leser, dass der Titel des Werkes doch nicht ganz irreführend war, da sich in den Plätzen etwas vom Wesen der Stadt selbst enthüllt. Nicht nur in dem Sinne, dass viele Plätze als Wahrzeichen ihrer Stadt der Inbegriff ihrer Identität sind (man denke an den "Campo" von Siena), sondern auch, weil der Platz als solcher, als räumliche Gestalt, etwas vom Wesen der Stadt offenbart. Das "städtische Glück" hat etwas zu tun mit den Plätzen, und deswegen war es für die Alten unvorstellbar, eine Stadt ohne Platz anzulegen. Sitte zitiert diesbezüglich einen Satz von Pausanias: "könne man etwas keine Stadt nennen, wo es keine öffentlichen Gebäude und Plätze gibt" (S.10).

Dieses seltsame Gebilde, das wir "Platz" nennen, ist uns so vertraut und selbstverständlich geworden, dass wir seine Merkwürdigkeit nicht mehr bemerken. Es scheint eine europäische Erfindung zu sein, für welches es in anderen Kulturen kein Äquivalent gibt 2. Es ist weder eine Esplanade noch ein Innenhof, sondern etwas anderes: die Paradoxie eines äußeren Raumes, der zugleich eine Innerlichkeit bildet. Ein Platz wie das antike Forum, das mit Recht für das "Urbild" des Platzes gehalten werden kann, ist von einer grundsätzlichen Dualität gekennzeichnet, d.h. von einer Einheit oder Synthese von gegensätzlichen Eigenschaften. Einerseits ist er durch seine Offenheit charakterisiert, welche sozusagen eine doppelte ist. Ein solcher Platz ist eine Lücke in der Fülle des Stadtgewebes, eine Art Lichtung im Dickicht der Stadt, eine "Stadtlichtung" (wie es Waldlichtungen gibt), die nach so viel Enge plötzlich aufgeht. Aber außerdem bleibt seine Mitte frei, da die Gebäude und Denkmäler in seiner Peripherie errichtet werden, wie sich schon in Pompeji beobachten läßt: "Der Raum in der Mitte des Platzes ist frei, während am Rande desselben sehr zahlreiche größere und kleinere Monumente aufgestellt waren" (S.8) Es handelt sich hier um die erste Erwähnung eines Gedankens, dem Sitte ein ganzes Kapitel widmen wird: "Das Freihalten der Mitte".

Andererseits ist aber das Forum von seiner Geschlossenheit gekennzeichnet: "Damit hängt auch die strenge Abgeschlossenheit des Raumes zusammen. [...] Die Einmündung von Strassen [ist] sehr beschränkt. [Einige Strassen] münden nicht frei ein, sondern passierten dabei durch Tore." (S.9-10) Hier kommt ein anderer Hauptgedanke des Buches zum ersten Mal zum Ausdruck: der Grundsatz der "Geschlossenheit der Plätze", dem ebenfalls ein ganzes Kapitel gewidmet ist.

Diese beiden wesentlichen "künstlerischen Grundsätze" kommen also schon auf den ersten Seiten bei der Beschreibung des Forums vor. Außerdem läßt sich feststellen, dass die beiden Kapitel, die diesen beiden Grundsätzen gewidmet sind, jeweils mit einem Verweis auf das antike Forum beginnen: Im 2. Kapitel "Das Freihalten der Mitte" heißt es auf S. 24: "Beim römischen Forum ist die Freihaltung der Mitte sozusagen handgreiflich". Und als erster Satz des dritten Kapitels "Die Geschlossenheit der Plätze" heißt es auf S. 38: "Das Einbauen der Kirchen und Paläste lenkt die Betrachtung wieder zu dem Typus des antiken Forums zurück mit seiner strengen Geschlossenheit gegen außen". Einerseits greift als die Beschreibung des Forums auf diese beiden Kapitel vor, und andererseits wird in diesen wieder auf das Urbild des Forums verwiesen. Dies scheint mir für die Architektonik des Werkes von großer Bedeutung.

Die Kapitel II und III, wo diese beiden Grundsätze behandelt werden, sollen allerdings meiner Einsicht nach nicht nur nacheinander, sondern auch miteinander gelesen werden. Es gilt, ihre enge Verbindung zu erfassen; denn es handelt sich um zwei Grundsätze, die eine ontologische Bedeutung haben, zugleich wirken und zusammen dazu beitragen, die seltsame Räumlichkeit eines Platzes hervorzubringen — als "Offenheit/Geschlossenheit". Über die Buchstaben des Werkes hinaus sollte ein Gedanke gefaßt werden, der nur implizit bleibt: diese beiden Prinzipien müssen in ihrer Einheit verstanden werden — nur zugleich bilden sie diesen merkwürdigen Raum, den wir einen "Platz" nennen. Obwohl jeder dieser Grundsätze seine eigene Gültigkeit hat, muß "das Forum als Urbild" phänomenologisch als das Ergebnis der Gesamtwirkung dieser beiden gedacht werden — aus dem einen, der Offenheit und Freiheit schafft, und aus dem anderen, der eine Quasi-Intimität gewährleistet. Keiner dieser Grundsätze kann vom anderen isoliert werden, ohne dadurch auch seine eigene Bedeutung zu verlieren.

Der Grundsatz der "Freilassung der Mitte", mit seiner Betonung einer zentralen Leere, könnte in eine drohende und gähnende Leere ausarten, in ein Äußeres ohne Innerlichkeit, wenn nicht zugleich der andere Grundsatz wirken würde. Und der Grundsatz der "Geschlossenheit" muß durch das Prinzip der "Offenheit" ergänzt werden, damit diese Geschlossenheit nicht mit einer bloßen Einsperrung verwechselt wird. Im Platz sind also diese beiden Grundsätze eng verflochten, obwohl sie gleichzeitig in einem Spannungsverhältnis begriffen sind. Die Auflösung dieses Verhältnisses führt notwendigerweise zu einer Zersetzung des Platzes und des Stadtraumes überhaupt. Im Folgenden will ich versuchen zu zeigen, dass Camillo Sitte unter dem Begriff "Blocksystem" eine solche Zersetzung beschreibt und kritisiert (hauptsächlich in den Kapiteln VIII und IX).


"Das leidige Blocksystem"

Sitte erwähnt mehrfach, was er "das Blocksystem" oder gar "das leidige Blocksystem" nennt. Es handelt sich in erster Linie nur um eine bekannte Tatsache: die "Parzellierung", d.h. die Art der Erschließung und der Bebauung, die im 19. Jh. üblich geworden war. Diese "Blocksystem" könnte von einem rein soziologischen oder wirtschaftlichen Standpunkt aus untersucht werden, etwa im Zusammenhang mit dem Aufschwung des Kapitalismus, und ich will die Bedeutung einer solchen Methode nicht bestreiten. Mein Ansatz aber wird ein anderer sein: mir geht es darum, die Raumvorstellung, die dieser Art Stadtplanung zu Grunde liegt, ans Licht zu bringen. Ich möchte zeigen, dass das "Blocksystem", wie Sitte es beschreibt, als ein neues Raumverständnis zu denken ist, das sich am besten philosophisch beschreiben läßt — was übrigens nicht ausschließt, dass es auch in der Wirklichkeit Folgen hat.

Lesen wir diese wichtige Stelle, wo Sitte nach seinen eigenen Worten "den Kern der Sache" fassen will: "Beim modernen Städtebau kehrt sich das Verhältnis zwischen verbauter und leerer Grundfläche gerade um. Früher war der leere Raum (Strassen und Plätze) ein geschlossenes Ganzes von auf Wirkung berechneter Form; heute werden die Bauparzellen als regelmäßig geschlossene Figuren ausgeteilt, was dazwischen übrig bleibt, ist Strasse oder Platz." (S. 97)

Diese Umkehrung setzt eine andere voraus: eine Umkehrung in dem Verhältnis von "Raum" und "Ort", die ich hier erläutern möchte. Uns modernen Menschen ist diese Vorstellung fast selbstverständlich geworden, dass es erst "den" Raum gibt, einen homogenen und leeren Raum, der reine Ausdehnung ist und keine Eigenschaften hat; und dass die einzelnen Orte in diesem vorgegebenen allgemeinen Raum einen besonderen Platz einnehmen, ja dass sie sich aus der Begrenzung dieses vorgegebenen Raumes ergeben (als "Raumstücke"). Dies ist jedoch eine neuzeitliche Vorstellung, die den Alten fremd war (mit einigen Ausnahmen, wie etwa Epikur und die Atomisten). Für Aristoteles waren die Orte die  primäre Erfahrung:

"Bei Aristoteles [gibt es] den Raum (chora) als selbständigen Begriff nicht. Er spricht vom Ort (topos), dem er in seiner "Physik" auch ein besonderes Kapitel widmet. Den Raum schließt er sekundär in den Begriff des Ortes mit ein." 3

Während für die Alten die Orte primär waren und der Raum nur sekundär, erhält nach der besagten Umkehrung "der" Raum als abstrakter leerer Raum einen primären Stellenwert, so dass es sich von den Orten — oder vom Ortbegriff — sagen läßt, sie würden sich "in den Begriff des Raumes einschließen". Der Raum wird als ein großer leerer Behälter gedacht, der von den einzelnen Sachen oder Orten ausgefüllt wird. Oder er läßt sich auch als eine leere Bühne vorstellen, bevor einige Schauspieler auftreten und sich etwas abspielt. 4

In verschiedenen Aufsätzen hat Martin Heidegger die primäre Bedeutung vom Ort ans Licht gebracht, im Gegensatz zu der neuzeitlichen Raumvorstellung, die vor allem von dem technisch-wissenschaftlichen Denken eingeführt wurde. Eine Brücke, sagt Heidegger (in dem Vortrag "Bauen Wohnen Denken" von 1951), befindet sich nicht einfach an einer bestimmten "Stelle" in einem vorgegebenen Raum — eine Stelle, die man durch eine bloße Markierung ersetzen könnte. Die Brücke nehme nicht einen Platz oder eine Stelle ein: sie sei selbst ein Ort, weil sie einen Ort stifte 5. Und eigentlich würden wir solche Orte niemals im mathematisch gedachten Raum ("dem" Raum) finden.

In "Die Kunst und der Raum" (1969) schreibt Heidegger: "Wir müßten erkennen lernen, dass die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören [...] Der Ort befindet sich nicht im vorgegebenen Raum nach der Art physikalisch-technischen Raumes. Dieser entfaltet sich erst aus dem Walten von Orten einer Gegend." 6

Auch in unsere alltäglichen Erfahrung, soweit sie nicht bereits technisch-wissenschaftlich interpretiert wird, bleibt diese "alte" Auffassung lebendig. Wir entdecken erst Orte, die einzigartig und unvergleichlich sind, bevor wir sie in einen allgemeinen Zusammenhang integrieren. Als Kinder haben wir erst einzelne Orte erfahren, bevor wir erkannt haben, dass sie miteinander kommunizieren können, und bevor wir imstande waren, ihnen eine besondere Stelle in einem allgemeineren "Raum" zuzuschreiben (diese Erfahrung der Kindheit wurde von Marcel Proust meisterhaft geschildert 7).

Auch für Camillo Sitte ist nicht ein vorgegebener Raum, etwa die Grundfläche, die erschlossen wird, die primäre Gegebenheit, sondern es ist der Platz selbst als "Ort". So wie es den Philosophen der phänomenologischen Richtung (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty) darum geht, die absolute Bedeutung des wissenschaftlichen Raumes in Frage zu stellen, und die vorwissenschaftliche Raumerfahrung zu rehabilitieren und besser zu artikulieren (vgl. in diesem Zusammenhang etwa diesen Satz von Heidegger: "Kann der physikalisch-technisch entworfene Raum [...] als der einzig wahre Raum gelten? Sind alle anders gefügten Räume, der künstlerische Raum, der Raum des alltäglichen Handelns und Verkehrs, nur subjektiv bedingte Vorformen und Abwandlungen des einen objektiven kosmischen Raumes?" 8), genauso geht es auch Sitte darum, den Vorrang der menschlichen Wahrnehmung zu betonen. Für ihn kommt es nicht darauf an, wie eine Anlage "am Reißbrett im Stadtplan" aussieht, sondern wie sie in Wirklichkeit "vom Auge wahrgenommen wird"(S. 99). Insbesondere gilt es, den Vorrang der Orte — der Plätze — vor jedem vorgegebenen Raum zu betonen. Um dies zugespitzt zu formulieren: Camillo Sitte war kein "Raumgestalter", sondern vielmehr ein "Ortsstifter" (der zugleich ein "Platzbewahrer" war).

Die erste Voraussetzung des "Blocksystems" war also diese Umkehrung im Verhältnis von Raum und Ort und der Vorrang eines leeren, eigenschaftslosen Raumes vor den Orten (zu denen auch die Plätze gehören). Was daraus folgt ist ein Prozeß des Zerschneidens des Gesamtraumes, etwa: eine große Grundfläche, die erschlossen wird, wird in Parzellen oder Blöcke aufgeteilt 9. "Die moderne Anlage folgt dem entgegengesetzten Streben des Zerschneidens in einzelne Blöcke: Häuserblöcke, Platzblock. Gartenblock, jeder ringsherum von Straßenfluchten begrenzt." (S. 114)

Eine andere Folge dieser Umkehrung — und dies bringt uns zu unserem ersten Zitat zurück — ist die Umkehrung von "verbauter und leerer Grundfläche". Diesen gesamten vorgegebenen Raum, der anfänglich ein leerer und monotoner Raum ist, gilt es jetzt allmählich auszufüllen. Obwohl von einem leeren Raum ausgegangen wird, herrscht dabei ein Vorrang des Vollen über das Leere. Demgemäß ist ein Freiraum eine Stelle, die noch nicht voll ist oder die zufällig leer bleiben muß. Dieses System erweist sich als besonders ungünstig für den Platz, ja es ist dem Platz ganz zuwider. In dieser Logik des Blocksystems erhält nämlich der Platz eine bloß negative Definition. Er wird negativ oder privativ bestimmt: "alles, was übrig bleibt, ist Strasse oder Platz", wie Sitte schreibt. So entstehen diese so-genannten Plätze, die keine eigentlichen sind, als zufällige Reste: "[das sind] keine Plätze, sondern nur Zwickelreste leeren Raumes, welche beim Zusammenschneiden der rechtwinkligen Baublöcke übrig bleiben" (S. 99)

Dies heißt also, dass der Platz nicht als Platz, nicht als solcher erkannt wird. Das Wesen des Platzes, "was den Platz zum Platz macht", wird nicht begriffen. Denn "ein bloß unverbauter Fleck ist noch kein Stadtplatz" (S. 38). Ein Platz ist mehr und etwas anderes als ein bloß unverbauter Fleck in einem vorgegebenen Raum. Damit dieses "mehr", dieses "anders" erfaßt wird, muß der Platz nicht negativ, sondern positiv gedacht werden, und dies bedeutet: statt von einem vorgegebenen Raum sollte vom Platz selbst ausgegangen werden. Es gilt, den Platz von sich selbst heraus zu denken und auch entsprechend zu gestalten. Die Antwort Sittes auf die Frage, wie der Platz "von sich selbst heraus" gedacht werden kann, lautet: Geschlossenheit. Der Platz soll als ein Ganzes betrachtet werden. Statt ihn als Teil innerhalb eines vorgegebenen Ganzen zu sehen (die zu bebauende Gesamtfläche), ihn selbst als ein Ganzes behandeln. Was Georg Simmel über die Landschaft schreibt, gilt auch für den Platz: er ist ein "Teil eines Ganzen, [der] zu einem selbständigen Ganzen wird"; "Ein Ausschnitt [...] [wird] seinerseits als Einheit [betrachtet]" 10

Dies führt zu einer Disposition (einer Anordnung), in welcher das "Volle" (das Bebaute) von einem "Leeren" (dem Unbebauten) umgeben wird, wo der Hausblock ein hermetisch geschlossener "Würfel" (S. 148) ist, der inmitten einer "einförmigen Raumleere" (S. 35) steht. Das ist die Grundstruktur bzw. die Logik des Systems: eine unvermittelte Gegenüberstellung von "Vollem" und "Leerem", die jedoch nicht auf die Aufteilung des Stadtraumes in Baublöcke beschränkt ist. Sie findet sich auch in der modernen Gewohnheit, die Sitte unablässig kritisiert hat: die Freilegung der Gebäude (Kirchen oder Denkmäler): "Wir scheinen es nicht anders für möglich zu halten, als dass jede neue Kirche mitten auf ihren Bauplatz gestellt wird, damit sie ringsherum freiliegt [...]. So ein freigelegtes Bauwerk bleibt ewig eine Torte am Präsentierteller." (S. 33-35)

Sei es ein Wohnblock, der von rechtwinkligen Straßen umgeben ist oder ein isoliertes Denkmal — in beiden Fällen herrscht ein Nebeneinander von Block und leerem Raum, ohne Vermittlung und gegenseitige Beziehung. Ein "ungefügter Bauwürfel" einerseits, und eine "öde Leere" andererseits. Der Öde des Raumes entspricht die Langeweile des Blocks: es sind die beiden Seiten der gleichen Medaille.

In einem solchen System macht der Blick des Zuschauers folgende Erfahrung: entweder stösst er auf das Volle (die konvexen Blöcke und ihre schneidenden Kanten) oder er verliert sich ins Leere, in den zu weiten Räumen. In seiner Art und Weise erfährt er also die soeben beschriebene Dichotomie von Vollem und Leerem; in diesem Zusammenhang soll auf den wichtigen Passus über den Gegensatz von Konvexität und Konkavität verwiesen werden (S. 149 ff.).

Allerdings tut diese Dichotomie von Leerem und Vollem nicht nur dem Raum sondern auch dem Gebäude Abbruch, dessen Ausbauten unterdrückt werden: "Nach dem Blocksystem [lastet] selbst auf unseren prächtigsten Monumentalbauten ein gewisser Alpdruck" (S. 148). Der Architekt sei "beengt [...] durch die vorherige Feststellung des Bauplatzes als moderner Bauwürfel" (S. 91). Dies zeigt Sitte am Beispiel der Wiener Universität: ihr Hauptportal "mit reich skulpturiertem Abschluss, braucht seiner Natur nach Raum zur Entwicklung. Dieser war aber nicht gegeben, und so mußte dann die Rampe möglichst an das Gebäude angepreßt und alles zurückgestaut werden" (S. 91).

In diesem neuen Raumverständnis, das dem Blocksystem zu Grunde liegt, entsteht auch eine neue Erfahrung, ein Unbehagen in der städtischen Kultur, das es noch nie gegeben hatte: die Platzscheu: "In jüngster Zeit ist eine eigene nervöse Krankheit konstatiert worden: die 'Platzscheu'. Zahlreiche Menschen sollen darunter leiden, d.h. eine gewisse Scheu, ein Unbehagen empfinden, wenn sie über einen großen leeren Platz gehen sollen. [...] Auf unseren modernen Riesenplätzen mit ihrer gähnenden Leere und erdrückenden Langeweile werden auch die Bewohner gemütlicher Altstädte von der Modekrankheit der Platzscheu befallen." (S. 56-57)

Dies soll nicht nur als Spott und Hohn von Sitte verstanden werden: diese Krankheit wurde tatsächlich 1871 zum ersten Mal erwähnt. 11 Der Zusammenhang mit dem neuen Raumverständnis scheint mir offensichtlich zu sein: diese "gähnende Leere und erdrückende Langeweile" ist nichts anderes als der leere, homogene Raum der Neuzeit, der zum ersten Mal in die Stadt eindringt und in ihr auftaucht (und sich vom Land wesentlich unterscheidet). Sie ist gleichsam die unbeschränkte Ausbreitung der Lücke, die der Platz im Blocksystem nach der negativen Definition darstellt — eine Lücke, die jetzt wuchert und von nichts mehr im Zaum gehalten wird. Im 17. Jh. hatte bereits Pascal seine Angst vor der modernen Raumvorstellung ausgedrückt: "Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern" 12. Als Camillo Sitte sein Werk schrieb, handelte es sich nicht mehr um eine bloße Vorstellung, sondern um ein wirkliches Erlebnis. Fast gleichzeitig (1881) schrieb Friedrich Nietzsche ein visionäres Fragment, das die Überschrift "Der tolle Mensch" trägt. Der "tolle Mensch", eine Art moderner Diogenes, der mit einer angezündeten Laterne am hellen Vormittag in der Stadt herumläuft, um Gott zu suchen, beschreibt auch die entsetzlichen Folgen des neuen Weltbildes: "Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?" 13

1898 beschreibt auch Camillo Sitte, wie der leere Raum uns anhaucht und wie es kälter geworden ist, nämlich in der modernen Stadt. Eine damals erst ansetzende Entwicklung, die heutzutage — ein Jahrhundert später — noch viel deutlicher geworden ist.

Was Sitte unter dem Namen "modernes Blocksystem" nicht nur beschreibt, sondern auch zu überwinden sucht, muß in einem weiteren Zusammenhang als ein Aspekt des modernen Nihilismus betrachtet werden, welcher von mehreren Autoren unter verschiedenen Standpunkten geschildert wurde. Ich will hier in äußerster Kürze die Analysen von Martin Heidegger zusammenfassen, aus denen hervorgeht, dass der Nihilismus ein zwiespältiges Phänomen ist. Es handelt sich einerseits um eine Ausbreitung oder Wucherung des Nichts und insofern um einen zerstörerischen Vorgang. Andererseits aber beruht er auf einer "Verdrängung" des Nichts, die aus einem ausschließlichen Vorrang des Seienden folgt. Dies formuliert Heidegger zugespitzt in seiner Antrittsvorlesung "Was ist Metaphysik" (1929) in Bezug auf die moderne Wissenschaft: "sie will vom Nichts nichts wissen" 15, nämlich von diesem Nichts, das das "ganz Andere" zu jedem Seienden ist, und ein anderer Name für das Sein selbst — d.h. für das "Anwesen des Seienden" — ist. Wo man vom Nichts nichts wissen will und meint, dass es nur das Seiende gibt und sonst nichts, herrscht die "Seinsvergessenheit", mit der Folge, dass die ganze Natur, die ganze Welt nur als beliebig bestellbar und ausnützbar existiert, was eine unerhörte Verwüstung der Erde mit sich bringt (hier könnte man einen anderen Satz von Nietzsche anbringen: "Die Wüste wächst."). Es läßt sich also das folgende Paradoxon ans Licht bringen: die Verdrängung des Nichts führt zu einer Vermehrung des Nichts. Die Wüste oder das Nichts scheint nirgendwo besser zu gedeihen, als dort, wo man vom Nichts nichts wissen will. "Also ist es nicht nihilistisch, sich mit dem Nichts zu befassen", schrieb Heidegger in einem Brief an Jean Beaufret 16, "als ob es doch nichts wäre. Vielmehr ist es nihilistisch, vom Nichts nichts wissen zu wollen." Eine gewisse Anerkennung des Nichts — welches dann in einem "positiven" Sinne verstanden wird — scheint der einzige mögliche Ausweg aus dieser Sackgasse zu sein.

So steht es auch in dem Verhältnis von "Leerem" und "Vollem" (Raum und Körper) bei Camillo Sitte. Das moderne Blocksystem will auch "vom Nichts nichts wissen". Es will nur eins: den vorgegebenen Raum ausfüllen, und es kann das Leere als solches nicht erkennen. Dies aber führt zu einer paradoxen Umkehrung: eben dadurch, dass Leere nicht als solche erkannt wird, weil der Platz nur negativ bestimmt ist (als das, "was übrigbleibt"), wuchert in der Stadt eine öde Leere ohnegleichen. Und wie es sich beim Nihilismus um zwei verschiedene Arten von "Nichts" handelte — das Nichts als Quasi-Synonym für das Sein und das Nichts als bloße Negativität, Zerstörung — so ist es auch mit dem Städtebau: die öde Leere ist nicht gleichzusetzen mit einer "positiven" Leere, die Sitte mit dem Grundsatz der "Freilegung der Mitte" anerkennt. Wie das Nichts ist auch die Leere zweideutig: eine positive Leere kann sich ins Unheimliche wandeln und umgekehrt.

Im gleichen Zusammenhang lohnt es sich, noch einen weiteren Text von Heidegger zu berücksichtigen: den kurzen Aufsatz "Die Kunst und der Raum" aus dem Jahre 1969, wo er einige Überlegungen über die moderne Skulptur (wohl von Eduardo Chillida), aber auch die Skulptur überhaupt anstellt. Heidegger versucht, den Gegensatz von Körper (Volumen) und Raum zu überwinden. Er schreibt: "Oft genug erscheint [die Leere des Raumes] nur als ein Mangel, als das Fehlen einer Ausfüllung von Hohl- und Zwischenraum". 7 Und er fügt hinzu: "Die Leere ist nicht nichts" — ein deutliches Echo zu dem zitierten Satz "Das Nichts ist nicht nichts" aus dem Jahre 1929. Dies ist kein Wortspiel und kein abstraktes Spiel mit Begriffen: es bedeutet, dass eine Plastik wie eine Skulptur Chillidas kein bloßer Körper ist, der in einem vorgegebenen Raum aufgestellt wäre, kein "Klotz", der mit dem Raum um sich herum nichts zu tun hätte. Eine solche Plastik ist ein Wechselspiel von Leerem und Vollem, in dem die Leere kein Mangel ist, und wo so etwas wie ein "Ort" entsteht oder aufgeht: "In der plastischen Verkörperung spielt die Leere in der Weise des suchend-entwerfenden Stiftens von Orten".17

Dies bringt uns wieder zu Camillo Sitte zurück: vom Platz gilt auch, dass "oft genug die Leere des Raumes nur als ein Mangel erscheint", wie wir es beim "Zwickelplatz" und bei der "negativen Definition" des Platzes gesehen haben. Aber bei einem eigentlichen Platz gilt auch, dass sie Leere "nicht nichts ist". Er ist zwar nicht voll, und seine Mitte soll frei bleiben, aber er ist nicht leer im Sinne der "öden Leere", die sich in der modernen Stadt als unvermittelter Gegensatz zum "Vollen" ausbreitet.

Die Eigentümlichkeit des europäischen Platzes ("was den Platz zum Platz macht") besteht also in dieser seltsamen Allianz von "Leere" und "Fülle", Offenheit und Geschlossenheit — eine Vermählung, in der die einzelnen Elemente gleichsam ihre negativen Aspekte verlieren. Der Platz ergibt sich aus dieser Gesamtwirkung der beiden Grundsätze der "Freihaltung der Mitte" und der "Geschlossenheit" — ein Verhältnis, das eine Spannung bleibt. Der eine Grundsatz ist gegen die gähnende Leere gerichtet (gegen die "Platzscheu"), und der andere gegen den Primat des Vollen, gegen die Neigung oder den Zwang, alles auszufüllen. Erst aus dieser Doppelwirkung entsteht — jeweils in einer besonderen und einzigartigen Gestalt — ein wirklicher Platz. Was im Blocksystem aufgelöst und abgetrennt wird, wirkt in einem Platz als eine Synthese entgegengesetzter Elemente.


Die Idee und ihre Verwandlungen

Soweit also mein Versuch, das "Blocksystem" als eine konsequente Raumvorstellung samt ihren unheimlichen Folgen zu deuten, und demgegenüber die "Idee des Platzes" phänomenologisch zu analysieren. Diese Idee fand ihre Verwirklichung im antiken Forum, eine Stadtform, die wir als "Urbild" betrachten können und die auch vorbildlich wurde. Dieses "Urbild des Forums" ist ein Leitfaden, welcher sich sowohl durch das Sittesche Werk als auch durch die europäische Geschichte selbst hindurchzieht.

An dieser Stelle scheint es mir angebracht und notwendig, auf eine Fehldeutung des Sitteschen Denkens erneut hinzuweisen, die leider noch sehr verbreitet ist, obwohl sie schon mehrfach widerlegt und ihre Entstehung innerhalb der Sitteschen Rezeption sehr gut dargestellt wurde.18 Ich meine die Auffassung, nach welcher Sitte im Grunde ein Romantiker und ein Mittelalter-Verehrer sei. Sein ethisch-politisches Ideal sei das einer "organischen Gemeinschaft" gewesen. Im gleichen Zusammenhang wird ihm auch eine Vorliebe für die krummen Strassen zugeschrieben, die im Buch gar nicht vorkommt. Diese Fehldeutung trat nochmals in Erscheinung in dem sonst so wichtigen Buch von Carl Schorske, "Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle" 19, wo Sitte in die Nähe von Ruskin und Richard Wagner gestellt wird. Aber wer das Buch unvoreingenommen liest, dem ist klar, dass nie von Wagner oder Ruskin die Rede ist, dafür aber von Vitruv und Aristoteles (der Leser wird auch feststellen müßen, dass der Begriff des "Gesamtkunstwerkes", dem Schorske eine zentrale Bedeutung zuschreibt, überhaupt nicht vorkommt. 20) Zwar enthält das Werk eine Art Utopie, das Vorbild jedoch, welches Sitte vorschwebte, war das öffentliche Leben in der polis der Antike. Die mittelalterlichen Städte kommen nur insofern vor, als sie von einer Nachwirkung der Antike zeugen, und als das Forum als Urbild den damaligen Stadtgründern und Bürgern ebenfalls vorschwebte. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Antike bereits im Mittelalter und nicht erst mit der Renaissance in der europäischen Kultur als Vorbild galt.

Mit der "Idee des Platzes" besitzen wir ein Kriterium, das uns die Unterscheidung zwischen eigentlichen und uneigentlichen Plätzen ermöglicht. So können wir anhand dieses Kriteriums bei einem "Zwickelplatz" urteilen und sagen, dass dies kein richtiger Platz ist. Die Idee des Platzes hat also eine kritische Funktion (krinein heißt trennen und unterscheiden): sie befähigt uns dazu, zu unterscheiden und zu beurteilen.

Andererseits ist aber diese Idee mit ihren jeweiligen Verwirklichungen nicht gleichzusetzen, und sogar das "Urbild" des römischen Forums soll nicht in allen seinen Aspekten als Vorbild betrachtet werden. Es muß eine andere "kritische" Arbeit geleistet werden, und zwar geht es diesmal darum, zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen zu unterscheiden, zwischen der "allgemeinen" Idee und ihren "besonderen" Verkörperungen. Diese kritische Arbeit findet ihre Entsprechung auch in der kreativen Tätigkeit der Architekten oder Städtebauer. Die Idee muß immer wieder gedeutet und realisiert werden. Sie ist keine starre Form, die man mechanisch kopieren soll, sondern ein Vorbild, das man imitieren soll, und dies bedeutet, in den jeweiligen konkreten Verwirklichungen die Idee sehen, das geistige Prinzip erkennen, das der Form zu Grunde liegt, und dementsprechend eine neue Form schaffen. Es muß also vermittelt werden zwischen dem allgemeinen Prinzip und seinen besonderen Formen — eine Vermittlung, welche die Sache der Einbildungskraft ist. Die Idee soll nicht als ein selbstidentisches Substrat, sondern wie ein "Verwandlungsprinzip" gedacht werden. Es ist etwas, was gleich bleibt, und sich trotzdem ständig verändert oder verwandelt.

Folglich gibt es mehrere mögliche Realisierungen der Idee des Platzes. Das antike Forum war eine und der kleine Platz in einer Altstadt war eine andere (wie etwa die venezianischen "Campi" oder die Plätze in der Wiener Altstadt). Aber der kleine Platz des Mittelalters war für Sitte keineswegs die einzige mögliche Realisierung. In diesem Zusammenhang möchte ich mit Nachdruck daran erinnern, dass Sitte für Gottfried Sempers städtebauliche Projekte in Dresden und Wien seine größte Bewunderung zum Ausdruck gebracht hat. Obwohl Sempers großzügige Platzentwürfe alles andere als klein und intim sind, konnte Sitte in ihnen sein Ideal erkennen, sie als eine legitime Interpretation der Platzidee betrachten und als eine neue Variation zum Thema "Forum" sehen.

Vor dem Dresdener Zwinger sollte nach Sempers Projekt ein geschlossener forumsähnlicher Platz angelegt werden (S. 129). Allerdings hatte Sitte nur Spott übrig für den Platz, der tatsächlich entstanden ist, nachdem Sempers Entwurf abgelehnt wurde: "Das Theater steht ohne Verbindung allein da in der öden Platzleere; alle Orientierung und Wirkung ist verlorengegangen, und die Möglichkeit, aus diesem Wust von kreuz und quer gestellten Bauwerken, die ohne Verbindung wie Kommoden bei einem Ausverkauf herumstehen, jemals wieder ein geschlossenes harmonisches Ganzes herauszubringen, ist für immer entschwunden." (S. 131)

In ähnlicher Weise lobt er Sempers Entwurf für die neue Bauanlage der Wiener Hofburg, des Burgplatzes: "Die Anordnung [...] geht [...] in ihren Motiven auf den Petersplatz in Rom zurück und darüber hinaus bis zu den antik-römischen Anlagen. Dieser Platz wird ein Kaiserforum werden im wahren Sinne des Wortes:" (S. 132)

Der Grund, warum diese riesige Anlage in Sittes Augen den Namen eines Forums verdient, ist zweifellos, dass der Grundsatz der Geschlossenheit hier angewandt wurde. Semper wollte nämlich die Ringstrasse mit Triumphbögen abschließen und dadurch eine kontinuierliche Wirkung hervorbringen: "Hiermit wird aber auch der entscheidende Moment gekommen sein, in dem sich die Zukunft des Ganzen entscheiden wird, der Moment, in dem es sich um die Inangriffnahme der beiden projektierten triumphbogenartigen Abschlüsse der Ringstrasse handeln wird, denn die Vollendung dieser Bauten wird den ganzen Platz erst zu einer künstlerischen Einheit zusammenfassen." (S. 183)

Und Sitte erwähnt noch den letzten Schritt, der sich dann wie von selbst ergeben wird: "dann wird sich [...] die Notwendigkeit von selbst aufdrängen, gegen die kaiserlichen Stallungen hin einen stilmäßigen Abschluss zu errichten durch Herüberführung einer dem Untergeschoß [...] der Hofmuseen entsprechenden Architektur." (S. 183)

Die Idee des Platzes — das Forum als Urbild — würde also erhalten bleiben, obwohl die Anlage ganz anders aussehen würde als etwa der Piaristenplatz, der Sitte so sehr am Herzen lag. Dies liegt daran, dass bestimmte Proportionen respektiert werden, denn bei Sitte kommt es mehr auf die Proportionsverhältnisse als auf die absolute Größe an. Die gleiche Idee — das gleiche Thema — ist also verschiedener Variationen fähig. Man soll auch imstande sein, das gleiche Muster im verwandelten Stoff zu erkennen. Der deutsche Essayist und Politologe Dolf Sternberger fragt sich in seinen politischen Schriften, inwieweit der moderne Rechtsstaat mit der griechischen Polis und dem aristotelischen Staatsbegriff etwas zu tun hätte. Im Gegensatz zu der Auffassung von Hannah Arendt, die eine solche Beziehung verneint, versucht Sternberger zu beweisen, dass wir im modernen Staat das gleiche Muster in verwandelten Zügen erkennen können, was zur Folge hat, dass das Band mit der Antike nicht ganz abgerissen ist. Ein großer Teil des politischen Denkens seit dem Mittelalter, als Aristoteles wiederentdeckt und übersetzt wurde, bestehe ja in dem Versuch, das aristotelische Denken in einem veränderten Zusammenhang neu zu interpretieren. Sternberger verweist diesbezüglich auf Goethes Metamorphosebegriff: "Wenngleich die Struktur der modernen Gesellschaft sicherlich von der antiken völlig verschieden ist, läßt sich doch ein recht ähnliches Schema der Differenzierung innerhalb der Bürgerschaft erkennen — vorausgesetzt, wir schärfen den Blick dafür, in der Metamorphose die wiederkehrenden Züge wahrzunehmen. Die Ähnlichkeit bezieht sich nicht auf die substantiellen Verhältnisse, sondern auf das Grundmuster."21 Und an einer anderen Stelle schreibt er: " Aber es ist eine Wiederkehr in jeweils ganz und gar verwandelter Erscheinung, zudem inmitten fremdartiger Kulissen, die das Wiedererkennen der vertrauten Züge bisweilen erheblich erschweren."22

So steht es auch mit dem antiken Muster des Platzes: es ist nicht auszuschließen, dass wir es in der modernen Gesellschaft in verwandelten Zügen wiedererkennen können, etwa in Sempers Entwurf für ein Kaiserforum in Wien — ein Projekt, das leider ebenfalls nicht ausgeführt wurde.

Ein ähnliches Schicksal hatte auch Sittes Vorschlag für die Umgestaltung des Platzes vor der Votivkirche — und es ist im allgemeinen traurig, festzustellen wie wenig Wien von Camillo Sittes Gedanken gelernt hat. Aber auch andere europäische Metropolen sind eigentlich schlecht dran. Um nur ein Beispiel zu nennen: was in den letzten Jahren in Paris geschehen ist, die Errichtung von Zebra-Säulen im Ehrenhof des Palais Royal oder die Aufstellung einer Glas-Pyramide im halb-offenen Hof des Palais du Louvres scheint mir ein deutlicher Verstoß gegen den Sitteschen Grundsatz der Freilegung der Mitte zu sein. Von der künstlerischen Qualität dieser Werke ganz zu schweigen, kommt hier ein Bedürfnis, ja eine Art Zwang zum Ausdruck, irgend etwas in die Mitte einer öffentlichen Anlage zu stellen, als ob eine solche Freilegung der Mitte als ein unerträglicher horror vacui empfunden werden müßte.

Der Platz scheint eine europäische Erfindung zu sein, und er muß weiterhin als eine Errungenschaft dieser Kultur gelten, die einem bestimmten politischen und philosophischen Ideal entspricht. Es ist das Ideal einer öffentlichen Freiheit, im Gegensatz zu einer bloß privaten Freiheit oder zu einer Freiheit, die man etwa in der Natur oder in der Beziehung zum göttlichen findet. Überlegungen über das Wesen des Platzes, wie ich sie anhand von Camillo Sittes Lebenswerk vorgeschlagen habe, können uns also auch zu einer Rückbesinnung auf die europäische Identität verhelfen, denn der Platz ist ein wesentliches Element dieser Identität. Und so, wie die Idee des Platzes kein starres Modell ist, sondern ein Muster, das immer wieder neu interpretiert werden muß, so steht es auch mir der europäischen Kultur: ihr Schicksal besteht nicht in einem starren Fortbestehen, sondern hängt vielmehr davon ab, ob wir fähig sind, ihre Grundideen wiederzuerkennen und neu zu interpretieren. Im Bestehen einer wahren Tradition ist also ein kreativer Moment enthalten.

 

 

 

1 Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich jeweils auf folgende Ausgabe: Camillo Sitte, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, reprint der 4. Auflage von 1909, Vieweg Verlag, Braunschweig, Wiesbaden, 1983

2 Im Islam etwa wäre das einzige Äquivalent der Innenhof der Moschee, der aber eben kein äußerer Freiraum ist. Siehe in diesem Zusammenhang da schöne Buch von Stefano Bianca: Architektur und Lebensform im islamischen Stadtwesen, Zürich, 1975

3 Jürgen Pahl, Die Stadt im Aufbruch der perspektivischen Welt, S. 49. Pahl verweist diesbezüglich auf Hedwige Conrad-Martius, Der Raum, München, 1958, S. 109

4 Man denke an manche Bilder der italienischen Malerei der Renaissance (Masaccio, Piero della Francesca, etc.), wo "der" Raum realisiert und als eine Art vorgegebene Bühne oder Kulisse dargestellt wird — ein Raum, der schon da ist und der von den Figuren und Ereignissen völlig unabhängig is (siehe dazu J. Pahl, op. cit. S. 56 über Masaccio).

5. "Bauen Wohnen Denken", in: Vorträge und Aufsätze, Neske, Pfullingen, 1954, S. 148-159, 153.

6 Die Kunst und der Raum. L'art et l'espace, Erker-Verlag, St. Gallen, 1969, S. 11

7 Ich denke hier an seine wunderbare Schilderung der beiden entgegengesetzten "Seiten" für Spaziergänge in der Umgebung von Combray: die "Seite von Méséglise" und die "Seite von Guermantes", die für den Erzähler in seiner Kindheit auch zwei besondere Welten bildeten, die so wesentlich voneinander abgesondert waren, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, sie in einen einheitlichen abstrakten Raum zu verbinden: " 'Über Guermantes' nach Méséglise zu gehen oder umgekehrt wäre mir als eine ebenso sinnlose Wendung erschienen, wie wenn man nach Osten aufbrechen wollte, um gen Westen zu gehen." Aus: In Swanns Welt, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Erster Teil, übersetzt von Eva Rechel-Mertens, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1981, S. 180

8 Die Kunst und der Raum. op. cit. S. 6-7

9 Hier kann schon Le Corbusiers funktionelle Verteilung in "zones" erkannt werden, die den verschiedenen "fonctions" des menschlichen Lebens entsprechen sollten.

10 Georg Simmel, "Philosophie der Landschaft" (erschienen kurz nach der Jahrhundertwende), in: Brücke und Tür, Koehler Verlag, Stuttgart, 1957, S. 143 und S. 142

11 "AGORAPHOBIA: The fear of squares and open places. Sitte shows himself to be particularly timely in citing this malady, which he calls 'Platzscheu' and is also known as 'Platzangst'. Its study had been intiated only a few years before, and its earliest cases were examples of a strictly urban malaise resulting from the experience of being on vast squares. The first account of it appears to be by Carl O. Westphal, in the Archiv für Psychiatrie (Berlin), III, 1871. [...] It is ironic that the physicians had termed the disorder "fear of the agora", an agora being precisely the sort of public square that, as Sitte was to demonstrate, did not possess such a terrifying openness." G.R. Collins / C.C. Collins, Camillo Sitte: The Birth of Modern City Planning, Rizzoli, New York, 1986, S. 379

12 "Le silence éternel de ces espaces infinis m'effraie", Fragment 206 der Brunschwicg-Ausgabe, Blaise Pascal, Über die Religion (Pensées), übertragen von E. Wasmuth, 2. Auflage., Berlin, 1940, S. 115

13 Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 125

14 Was ist Metaphysik, 11. Aufl., Klostermann, Frankfurt a.M., 1975, S. 27

15 Brief an Jean Beufret aus dem Jahre 1945, als Anlage zur französischen Ausgabe des "Humanismus-Brief" veröffentlicht.

16 Die Kunst und der Raum, op. cit. S. 12

17 Ibid., S. 12

18 Siehe Collins/Collins, op. cit. S. 78ff und 95ff

19 Carl E. Schorske, Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siécle, Frankfurt a.M., 1982

20 Sitte redet lediglich an einer Stelle von dem "Gesamtwerke der bildenden Künste" (S. 12)

21 Dolf Sternberger, Die Stadt als Urbild, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1985, S. 70, Hervorhebung J.D.

22 Dolf Sterneberger, Herrschaft und Vereinbarung, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1986, S.227, Hervorhebung J.D.


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