architecture & urbanism


Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.

Lucien Steil
Städte und Architekten

Die traditionelle Stadt ist die vollendete und beliebte Materialisation von Anstand und Geselligkeit. Sie ist die perfekte Synthese aus Territorium, Kultur und menschlichen Gemeinschaften. Sie ist stabile und stimulierende Heimat für Individuen und Familien, für Einheimische und Fremde, Einwohner und Gäste, für Industrie, Handel, Handwerk, Kunst; für Kommunikation und Interaktion, für sozialen, kulturellen, intellektuellen und kommerziellen Austausch und Erfindungsgeist.

Des weiteren war sie immer auch unwiderstehliches und bewundertes Abbild von Vorstellungskraft und Genialität. Wie viele Veduten, Gemälde und Inschriften, Fotographien, Beschreibungen, Gedichte und Lieder feiern die Schönheit, Großartigkeit und Einzigartigkeit der üblichen traditionellen Stadt? Sogar Kleinstädte besitzen beeindruckende Sammlungen bildlicher und schriftlicher Aufzeichnungen ihrer Stadtgeschichte, des Straßenplans, der Monumente und Plätze, ihrer Silhouette, panoramischer Ansichten und Veränderungen im Laufe der Geschichte einer organischen und urbanen Identität.

Große und kleine historische Städte bleiben kulturelle Wallfahrtsorte und Erholung für Millionen Zeitgenossen, die das Erlebnis, und die sinnlichen und geistigen Freuden einer echten Stadt suchen. Die meisten der berühmten und noch im historischen Zustand erhaltenen Städte erfüllen erfolgreich alle Anforderungen des modernen Lebens, wohingegen die allermeisten der modernsten Städte nicht einmal die Grundfunktionen erfüllen.

Traditionelle Städte und Dörfer sind alle nach den gleichen Prinzipien von Harmonie und Proportion, Größe und Maß, Organisation und Struktur, Typologie und Morphologie aufgebaut, die mathésis des städtischen Objekts mit der des Universums verknüpfend. Der Mißbrauch wissenschaftlicher Begriffe durch die Wortführer von Modernismus und Dekonstruktivismus zu ihren eigenen Zwecken, ist inzwischen als Irrtum aus Mangel an wissenschaftlichem Verständnis kritisiert worden! Traditionelle Architektur und Städtebau sind nachgewiesenermaßen weit enger mit Fraktalen, Chaos und den Neuen Wissenschaften von Mensch und Universum verbunden.

„Chaostheorie ist die Suche nach Ordnung in Systemen, die nur ungeordnet erscheinen. Das grundsätzliche Ziel der Mathematik - Muster zu entdecken - hat sich von Newton bis zur Chaostheorie nicht verändert. Trotz der enormen Möglichkeiten, Fraktale in innovativer Weise auf gebaute Objekte anzuwenden, haben dekonstruktivistische Gebäude bloß Zufälligkeit erzeugt.“
Nikos Salingaros; „Architecture, Patterns and Mathematics“

Dies wurde wissenschaftlich untersucht und in den Schriften von Nikos Salingaros und Christopher Alexander ausführlich dargelegt. Tatsächlich hat das neue wissenschaftliche Wissen, anstatt überkommene klassische Theorien von Imitation der Natur, basierend auf den universellen Prinzipien von Struktur, Proportion und Harmonie einfach nachzubeten, dieses antike Wissen bewiesen. Die Wiederbelebung klassischer Theorie durch die modernen Wissenschaften eröffnet atemberaubende Perspektiven für die ausgeklügelten Muster traditioneller Architektur und traditionellen Städtebaus, ihre hochgradig geordnete Komplexität, ihre Angemessenheit gegenüber dem menschlichen Geist und Körper, und ihre fortwährende Bedeutung für die Ökologie.

„Es gibt allgemeingültige Gesetze und die Natur brütet über diesen Gesetzen, um Verschiedenheit zu erzeugen. Harmonie liefert das Muster, das Chaos gibt die Freiheit.“
Trinh Xuan Thuan

All diese traditionellen Städte und Dörfer sind uns angenehm vertraut, und wir erleben das Vergnügen des Wiedererkennens selbst in fremden Städten, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Trotzdem gibt es kein größeres Maß an Unterschiedlichkeit und Einfallsreichtum als das, welches wir im gewaltigen Erbe traditioneller Städte entdecken. Die Ablehnung der traditionellen Prinzipien des Städtebaus, das willkürliche Experimentieren des Modernismus als auch die großzügige Planung von Speckgürtel und Vorort-Ödnis haben überall auf der Welt gleichförmig gesichtslose und monotone Siedlungen entstehen lassen. Sie geben vor, den Geist unserer Zeit auszudrücken und sind doch nur Ausdruck von Nicht-Zeit und Nicht-Ort!

„Historische Städte sind sich ähnlich, aber alle sind unterschiedlich. Modernistische Städte sind alle unterschiedlich, aber immer das Gleiche.“
Maurice Culot

Aber wir wissen auch, daß die wundervollen Städte der Vergangenheit immer wieder angegriffen, zerstört und wiederaufgebaut wurden. Hat es Zeiten gegeben, in denen sich die Menschheit nicht Krieg, Krankheit, Korruption, Verschlagenheit, Barbarei und Zerstörung ausgesetzt sah? Wenn es jemals „Goldene Zeitalter“ gegeben hat, dann waren sie die Ausnahme und kurz!

Warum sollten Architektur und Städtebau Häßlichkeit und Schrecken, Verwirrung und Orientierungslosigkeit, Heimatlosigkeit und Entfremdung ausdrücken? Warum sollten Architektur und Städtebau, anstatt „Heimat“ zu erschaffen, die Konflikte und Krisen unserer Zeiten verherrlichen? Die Architektur darauf zu reduzieren, den jeweils gegenwärtigen Zustand von Gesellschaft und geistigen Strömungen zu spiegeln, ist eine Absurdität in sich: Es hätte durch die gesamte, dramatische Geschichte der Menschheit niemals auch nur ein einziges erinnernswertes, schönes, inspirierendes Gebäude noch jemals eine bequeme und attraktive Stadt gegeben. Architektur und Städtebau hätten sich niemals zu solch blühenden Künsten entwickelt!

Traditionelle Architektur und Städtebau waren immer Idealbilder von Harmonie und Schönheit in einer erschütterten, zerrissenen Welt! Durch Jahrhunderte großartiger und tragischer Geschichte war die traditionelle Stadt immer ein erstrebenswertes Modell von Urbanität, Zivilisation, des guten Lebens und eines möglichen Utopia ...

Zerstört von Katastrophen natürlicher (Erdbeben, Fluten, Wirbelstürme, etc.) oder menschlicher Art (Kriege, Feuer, Stadtumbauten, etc.), sind Städte immer wieder an den gleichen Stellen und nach den gleichen Prinzipien wieder aufgebaut worden. Der Sehnsucht nach Beständigkeit, Kontinuität und Identität folgend, wurde die neue Stadt auf den Ruinen, Spuren und Erinnerungen der alten Stadt gebaut. Anstatt eine archäologische Kopie zu sein, wurde die neue Stadt verbessert, verschönert und perfektioniert, um sowohl neuen Ansprüchen als auch den Erinnerungen im Rahmen einer gemeinschaftlichen, städtischen Kultur gerecht zu werden.

Die spektakulären Rekonstruktionen von Lissabon nach dem verheerenden Erdbeben im 18. Jahrhundert, von Catania nach dem zerstörerischen Ausbruch des Vesuv, von London nach dem Großen Brand, von Warschau nach dem 2. Weltkrieg und so vieler anderer Städte überall auf der Welt, belegen sowohl den Geist von Selbst-Regeneration und Leistungsfähigkeit traditionellen Städtebaus als auch die Fähigkeit zu Anpassung und notwendiger Veränderung.

Trotz der schnellen und in ihrer Dramatik noch nie dagewesenen Veränderungen in unserem Jahrhundert, ist die traditionelle Stadt immer noch ein guter und erstrebenswerter Platz zum Leben. Sie hat bewiesen, dem modernen Leben gewachsen zu sein. Sie ist greifbare Realität und ein realistisches Projekt zeitgenössischer Zivilisation.

Bologna ist ein Musterbeispiel für eine wohlhabende und moderne Stadt, in der man heute das Beste an traditioneller europäischer und mediterraner Kultur erleben kann. Nicht aufgrund rückwärtsgewandter Nostalgie und lässiger Stadtpolitik, sondern aufgrund kultureller und politischer Entscheidungen zu Gunsten der traditionellen Stadt. In den späten 1960er Jahren entwarf der rennomierte japanische Architekt Kenzo Tange für Bologna den Masterplan einer Megapolis für Millionen von Menschen. Nach gründlichen Beratungen wurde dieser Plan schließlich abgelehnt.

Die Verwaltung entschied sich, die Entwicklung von Bologna auf Grundlage der vorhandenen Gegebenheiten einer historisch gewachsenen, traditionellen Stadt zu betreiben. Unter Leitung des Architekten Pierluigi Cervellati wurde eine Strategie der Restauration, Wiederbelebung und Rekonstruktion, basierend auf greifbaren Prinzipien von Typologie und Morphologie, funktionaler Mischung und sozialer Unterschiedlichkeit entwickelt und erfolgreich umgesetzt.

Heute ist Bologna eine der beliebtesten Städte Italiens, ein äußerst lebendiger Ort für Industrie und Handel, eine bekannte Universitätsstadt und Kunstmetropole, ein großartiger Ort für Freizeit und Unterhaltung, für gutes Essen und guten Wein, für „calme et volupté“, ebenso wie für die Aufregungen und Anregungen der raffiniertesten Annehmlichkeiten des modernen Lebens.

Vor einigen Jahren wurden Pläne zum Abriß des Hauptbahnhofes und der Errichtung eines Paars lächerlicher Wolkenkratzer (von Ricardo Bofill) durch die Bürger von Bologna und den nachdrücklichen Einsatz von Gabriele Tagliaventi (1) erfolgreich abgewehrt , unterstützt von Geschäftsleuten aus Bologna, ganz Italien und vielen anderen Orten der Welt.

Wieviele Beispiele zeitgenössischen Städtebaus kennen wir, die nicht auf die eine oder andere Weise ihre traditionellen Vorbilder verraten? Nicht viele - und kaum Erfolgreiche. Neuer klassischer und traditioneller Urbanismus hingegen hat die besten Referenzen bezüglich erfolgreicher Projekte. „Neue Traditionelle Nachbarschaften“, gebaut von „Neuen Urbanisten“ und ihren Anhängern sind nicht nur beliebt und öffentlich gelobt, sie haben sich auch zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Renaissance der amerikanischen Kultur der Urbanität entwickelt. „New Urbanism“ hat sich beachtliche Autorität erworben und hat zunehmend Einfluß auf regionale und nationale Entwicklungspolitik.

Seltsamerweise ziehen es die Universitäten vor, die neuen Realitäten der Amerikanischen Urbanen Vision zu ignorien, zu Gunsten unbewohnbarer Spekulationen über virtuelle Vororte und andere überholte avantgardistische Phantasien. Die Universitäten züchten weiterhin unverdrossen eine unpopuläre Elite von Architekten und Stadtplanern heran, die, stolz auf ihr absurdes Verständnis von Zeit und Raum, ungeeignet sind, die gerechtfertigten Erwartungen der Bürger an schöne, bequeme und gut gebaute Heime, Nachbarschaften, Dörfer und Städte zu erfüllen!

Obwohl in Europa nicht in einer starken Organisation wie dem „Congress for the New Urbanism“ zusammengeschlossen, gibt es auch hier bemerkenswerte Projekte und Realisationen traditionellen Städtebaus. Erfreulicherweise stehen diese Projekte häufig im Kontext von sozialem Wohnungsbau, ökonomischem und ökologischem Landverbrauch, von lokaler und regionaler Identität und kulturellen Traditionen. Die „Fondation Philippe Rotthier“ in Brüssel, „A Vision of Europe“ in Bologna, „INTBAU“ in London, „Byens Fornyelse“ in Norwegen und andere Institute und Organisationen unterstützen aktiv die Tatsache von „New Classical and Traditional Architecture and Urbanism“.

Die traditionelle Stadt, Abbild von gesammelter Erfahrung, von Know-How, von Theorie und Praxis, von Modellen und Typen, als Repertoire greifbarer Muster und letztlich als der Menschheit genialste Erfindung aller Zeiten, ist das tatsächliche und bestmögliche Musterbeispiel für zeitgenössischen Städtebau. Nun behaupten einige, das wäre nicht so, und unsere Zeit hätte die Pflicht, aus dem Nichts alles neu zu erschaffen. Sie ziehen es eher vor, zu versagen, anstatt von der Weisheit vorangegangener Generationen zu lernen; einer Weisheit, zu der wir zunächst Gleichwertiges beitragen müssten. Was soll man sagen zu solch einer selbst-besiegenden Einstellung, die schließlich nie etwas von Wert für eine lebendige, zeitgenössische Kultur hervorbringen wird.

Im Kontext traditionellen Städtebaus ist traditionelle Architektur keine Option! Um ein Höchstmaß an Integration, Qualität und Vielfalt zu erreichen, ist traditionelle Architektur die „conditio sine qua non“ des traditionellen Urbanismus.

Wenn es um gute Architektur geht, gibt es keinen zufriedenstellenden Kompromiss. Wie Léon Krier gesagt hat, entweder ist es Architektur oder die Abwesenheit von Architektur. Architektur an sich ist eine untrennbare Einheit von Bequemlichkeit, Stabilität und Schönheit, Maß und Proportion, von konstruktiver und tektonischer Logik ... die Definition traditioneller Architektur läßt keinen Raum für Mittelmäßigkeit.

Nun die modernistische Alternative, sei es als „Abwesenheit-von-Architektur“-Option oder als „Bestrafung-durch-Architektur“-Option, beide geben vor, für die Architektur bedeutsam zu sein, verweigern jedoch systematisch jegliches Konzept von „Bedeutung“ oder „Wert“. Modernismus als selbst-referentielles System „radikalen Relativismus“ hat schon längst jeglichen Anschein von Utopie bzw. kritischer und poetischer Kraft einer Avantgarde eingebüßt. Es ist kein rebellischer und jugendlicher Sproß kultureller Regeneration, viel mehr spießbürgerliches Establishment, gelähmt durch eine reduziertes, willkürlich gewähltes und ziemlich trauriges Repertoire an Theorie und Praxis.

Städtebau und Architektur sind unterschiedliche Dimensionen der gleichen Disziplin. Sie können nicht im vorsätzlichen Streit koexistieren, nicht in grundsätzlicher Krise, als ungleiche Partner, in eingebildetem Widerspruch. Dies ist eine Frage genetischer Integrität; gewaltsame Manipulationen erschaffen Monster!

Eine entfremdende Architektur ist immer ein Angriff auf ihre Bewohner, ganz gleich, wie gut das urbane Design ist. Neuer traditioneller Städtebau kann sich nicht blind auf architektonische Mutanten verlassen, noch sein Potential nach heimlichen Plänen kunst-genetischer Experimente entwickeln.

Traditionelle Architektur ist flexibel und besitzt ein großes Maß an Anpassungsfähigkeit und regenerativer Energie, jedoch nur im Rahmen dauerhafter Prinzipien von Qualität, Komfort, Schönheit und Dauerhaftigkeit; nur im Hinblick auf Tektonik, Maßstab, Maß und Deteil. Traditionelle Architektur hat kein Interesse an bloßer Neuheit und Originalität, jedoch an „ewiger Neuheit, die sich aus den vor uns ausgebreiteten Elementen der Vergangenheit entwickelt.“ (J.W.von Goethe)

Zeitgenössische traditionelle Architekten und Urbanisten zielen nicht auf eindrucksvolle Statements oder konkurrierenden Einfallsreichtum. Ihre Arbeit ist aufregend und einzigartig, weil sie sich harmonisch und elegant in bestehende soziale, umweltliche und städtische Zusammenhänge einfügt; weder als Sklavendienst an der Vergangenheit, noch in Blindheit für die Zukunft. Sie bekennen sich mit positiver Klarheit zum Zeitgenössischen und entwickeln neue Standards der Modernität für eine bessere Welt im Kontext humanistischer und ökologischer Kriterien!

Sie sind weder Missionare oder Propheten einer hypothetischen Modernität, noch sind sie tragische oder mißverstandene Helden einer anachronistischen Avantgarde; jedoch Handwerker und Künstler, die Gebäude und Orte mit den dauerhaften Qualitäten von Schönheit, Nützlichkeit und Konstruktion entwerfen und bauen; die es den Menschen unserer Zeit erlauben, in Bequemlichkeit, Sicherheit, Harmonie, Erkenntnis und Freude zu leben.

Wenn der Mensch „als Poet wohnt“ (Martin Heidegger), dann kann man von den Neuen Traditionellen Architekten und Urbanisten behaupten, eine Welt zu entwerfen und zu bauen, in der Poesie immer noch Sinn hat.

(1) „A Vision of Europe“, gegründet zur Wiederbelebung und Förderung zeitgenössischer Architektur und Städtebaus basierend auf der Intelligenz der Tradition und der Effizienz historischer Erfahrung, hat bewußt Bologna als Sitz gewählt, das bedeutendste und symbolträchtigste Beispiel für eine neuzeitliche urbane Renaissance. Ihr Direktor, Gabriele Tagliaventi, wird nicht nur von HRH dem Prinzen von Wales unterstützt, sondern hat erfolgreich internationale Unterstützer für die populären Ziele einer „Vision of Europe“ gewinnen können.

© Lucien Steil 2002
© INTBAU 2002
© der Übersetzung: Umbau-Verlag 2004


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