architecture & urbanism


Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.

Michael Mehaffy
Anmerkungen zu einer aktualisierten
kritischen Theorie des Modernismus

Vorwort

Unter den praktizierenden traditionellen Architekten herrscht heutzutage Uneinigkeit und Unsicherheit darüber, wie man dem Modernismus in Architektur und Städtebau begegnen sollte. Meine Kollegen und ich haben ausführlich über die neuen wissenschaftlichen Beweise für die Überlegenheit der Muster und Prozesse traditioneller Methoden geschrieben. Aber die Frage der historischen Bedeutung des Modernismus, seines Nachlasses, seiner Schwächen im Angesicht neuer wissenschaftlicher Beweise und der angemessenen kritischen Analyse für unsere Zwecke ist noch nicht völlig beantwortet. Dadurch sind die Möglichkeiten für traditionelle Architekten begrenzt, auf wiederholte Kritik der Modernisten angemessen zu antworten.

Der unerhörteste Vorwurf ist der, traditionelle Architektur sei im Prinzip reaktionär und nicht zeitgemäß. Dieser Punkt war kürzlich Gegenstand ausführlicher Diskussionen im TradArchForum der Universität von Miami. Der folgende Text erschien dort und ist seit dem weiter bearbeitet worden. Er ist keine vollständige Abhandlung über das Thema, jedoch eine Reihe von Anmerkungen und Ergänzungen zu einer kritischen Theorie im Licht aktueller Entwicklungen.


Einführung

Es ist unmöglich, die historische Entwicklung der modernistischen Bewegung in der Architektur losgelöst von der radikalen Veränderung der Gesellschaft durch Wissenschaft und Technik am Anfang des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Als eine Architektur, die versuchte zeitgemäß zu sein, reagierte sie auf und beschleunigte die industriellen Entwicklungen dieser Zeit. Mehr noch waren die Modernisten getrieben von der selbstbewussten wissenschaftlichen Weltsicht dieser Zeit, dem „Geist der Zeit“, der den totalen Sieg über Krankheit, Armut und menschliche Irrationalität verhieß. Dies förderte das feste Vertrauen, um nicht zu sagen den Hochmut, jahrhundertelang bewährte Modelle über Bord werfen zu können - zu Gunsten radikal minimalistischer Geometrien der „Maschinen-Ästhetik“, die als Ausdruck solch fortschrittlicher und rationeller Zeiten angemessener erschien.

Uns ist bewusst, daß selbst heutzutage führende Architekten ungebrochenes Vertrauen in die Überlegenheit einer Architektur setzen, die aus technologischen Abstraktionen entstanden ist - als Gegensatz zu traditionellen Entwurfsmethoden und Geometrien.

Im zurückliegenden Jahrhundert jedoch - und besonders in den letzten Jahren - hat sich die Wissenschaft fundamental und nach damaligen Begriffen unvorstellbar verändert. Biologie, Astronomie und Physik, um drei wichtige Beispiele zu nennen, sind heute völlig anders - mit neuen Ideen organisierter Komplexität, die dem alten mechanistischen Weltbild widersprechen. Die Neue Wissenschaft bietet bemerkenswerte neue Einsichten in die evolutionäre Adaption traditioneller Prozesse, eine verfeinerte Art kollektiver Intelligenz.

Zur Zeit machen die Modernisten weiter wie bisher, mit verspielten Variationen der gleichen alten, mechanistischen Geometrien, hier und da versetzt mit dem Anschein Neuer Wissenschaften, aber nicht grundsätzlich verändert im Prozess: dem skulpturalen Ausdruck mechanistischer Abstraktion. Sicher, das alte Selbstvertrauen ist verschwunden (gemeinsam mit einem Großteil des Idealismus) und durch einen ziemlich selbstmitleidigen Nihilismus ersetzt worden. Im Grundsatz jedoch benutzen die Akteure immer noch die alten Zitate.

Was folgt ist eine kurze Zusammenfassung des „Stand der Dinge“ und wie es dazu kam, gefolgt von einer kurzen Untersuchung, welchen Einfluß die heutigen Neuen Wissenschaften auf die Sicht der Welt und die Methodologie der Architektur haben könnten.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig klar zu machen, wovon wir sprechen, wenn wir von Wissenschaft sprechen.

Wissenschaft ist nicht bloß die Summe der Institutionen, die sich mit der Entdeckung technischer Innovationen beschäftigen. Sie ist im weitesten Sinne der Prozess des Entdeckens von Wahrheiten über die Natur durch den Menschen und den Platz des Menschen in der Natur. Somit kann Architektur nicht den Gegenstand der Wissenschaft in diesem weiteren Sinne ignorieren.

Für diejenigen, die in diesem Zusammenhang einen Verlust an Bedeutung befürchten sollten wir erwähnen, daß der metaphysische Bereich von „Bedeutung“ nicht aus der Natur der Gegenstände dieser Betrachtung ausgeklammert werden kann - es sei denn mittels der selbst-widersprechenden Logik des Positivismus. („Es gibt keine Metaphysik“ ist die metaphysischste Aussage, die jemand machen kann.) Tatsächlich besteht im Prozess des Entdeckens kein Widerspruch zur Metaphysik. Wenn wir daran glauben, Wahrheit zu entdecken und daß die Realität einen metaphysischen Aspekt beinhaltet, dann sollten wir erwarten, daß unsere Entdeckungen uns zu tieferer Einsicht verhelfen. Mit anderen Worten: wir können erwarten, daß uns die Wissenschaft die Details erklärt, aber nicht das Ganze. Es ist das ewige Rätsel im Kern der Dinge, daß unsere wissenschaftlichen Entdeckungen nur vergrößern.


Das derzeitige Problem

Heutzutage tauchen in der Architektur Tendenzen auf, Aspekte der traditionellen Architektur als eine Art Gegengift zum Modernismus wiederzubeleben. Wie ich beschreiben werde gibt es in den Neuen Wissenschaften Anzeichen, die Beweis für den hohen Entwicklungsstand und die Anpassungsfähigkeit traditioneller Architektur sind.

Aber die Traditionalisten sind in eine politische Falle geraten: im Gegensatz zu den Modernisten, die sich als die fortschrittliche Alternative darstellen, sind sie als rückwärtsgewandt und reaktionär gebrandmarkt worden. Dies war kürzlich auch in großen Wettbewerben, wie dem für die Rekonstruktion des World Trade Center in New York, festzustellen.

Diejenigen, die an die Gültigkeit und Notwendigkeit einer zeitgenössischen Wiederbelebung der Tradition glauben, können von diesen Ereignissen lernen: In einem Umfeld, in dem die Architekturdebatte noch immer von Modernisten und ihren Anhängern dominiert wird, müssen sie lernen, überzeugender zu sein. Dieser Umstand wird beim WTC nur zu deutlich, wo nur einer von sieben Entwürfen im weitesten Sinne traditionell war und keinen der vorderen Plätze belegen konnte; in Charleston, South Carolina - überall, wo ein traditioneller Entwurf mit der Begründung zurückgewiesen wurde, er sei „nicht zeitgemäß“.

Ich glaube, daß es hier um mehr geht als persönliche Vorlieben - daß wir eben alte, traditionelle Gebäude mögen während andere neuen, modernistischen den Vorzug geben. Es ist ja heutzutage üblich, persönliche Entscheidungen und Unterschiede wichtiger zu nehmen als die Allgemeinheit und gemeinsame Werte. Es ist jedoch mehr nötig, um eine überzeugende Bewegung zu konstituieren - eine Bewegung, gegründet auf dem Glauben an objektive Wahrheit, daß manche Dinge nun einmal grundsätzlich schädlich für Menschen sind und daß andere Dinge dem Menschen Gutes tun - auf der Ebene, daß z.B. Autoabgase schädlich sind und saubere Luft etwas Gutes ist. Und ich glaube, daß man in einer solchen Bewegung damit beschäftigt ist der Gesellschaft zu ermöglichen, diese objektive Wahrheit zu erkennen. Das ist die Voraussetzung für Fortschritt.

Es ist zwar richtig, daß solche Ideen primär philosophisch sind - das heißt jedoch nicht, sie seien subjektiv. Es heißt nicht, sie hätten keine objektiven Aspekte, die wissenschaftlich verifiziert oder diskutiert werden könnten. Wenn wir daran glauben, daß die Wahrheit objektiv ist (obwohl unser Wissen möglicherweise unvollständig bleibt), dann glauben wir auch, daß diese Angelegenheiten diskutiert werden können und Konsens möglich ist. Was sonst sollte Fortschritt ermöglichen? Ich möchte nicht so weit gehen zu fragen, was sonst sollte Zivilisation ermöglichen?

Somit kommen wir im wissenschaftlichen Prozess an.

Um eins klarzustellen: Wenn wir nicht an diese Dinge glauben, dann haben wir uns dem Nihilismus ergeben, der vollständigen Unterwerfung der menschlichen Intelligenz unter das Schicksal. Wir sind im Lager der Post-Strukturalisten gelandet (und dem der DeCon-Verwandten in der Architektur), die daran glauben, Wahrheit wäre ein rein soziales Konstrukt, aufgezwungen durch die jeweils die Macht innehabende, privilegierte Elite. Die Post-Strukturalisten haben damit jede Basis für weitere Entwicklung aufgegeben, für sich selbst und für jeden anderen. Denn was geschähe, wenn ihnen jemand sagte: “Nun gut, das ist bloß DEIN Konstrukt, vom Standpunkt einer privilegierten Elite; Ich akzeptiere das nicht!“ Dann haben wir ein philosophisches Patt - es kann keinen Konsens geben, da es keine Basis objektiver Wahrheit mehr gibt.

Dies wendet sich an jeglichen pseudo-wissenschaftlichen Unsinn, der die Basis für wissenschaftlichen Fortschritt - ja, für jeglichen Fortschritt - zerstört. Wir müssen uns darüber klar werden, daß obwohl wir nie völlig sicher sein können, Wahrheit erkannt, akzeptiert und geteilt werden kann - nicht bloß in technischen Angelegenheiten sondern auch im Umfeld menschlicher Empfindungen und Werte - dem zwar unausgesprochenen jedoch nicht zu verleugnenden Gegenstand jeglicher Architektur.

Man bemerke, daß man die Wissenschaft anrufen kann, um hierfür Beweise zusammenzutragen.


Ausblick auf eine Aktualisierte Kritische Theorie des Modernismus

Um auf das derzeitige Problem zurückzukommen: Ich glaube, daß es dringend notwendig ist, eine Aktualisierte Kritische Theorie des Modernismus und seiner Erben zu entwickeln und zu verfeinern; noch wichtiger: eine glaubwürdige Theorie, in wie weit Tradition wieder ihren rechtmäßigen Platz in der zeitgenössischen Welt einnehmen kann - nicht als Relikt oder reaktionäres Aufbäumen gegen Technologie und die Ideale der Aufklärung - sondern als ein System, daß die Vergangenheit versteht, integriert und auf ihrem Geist aufbaut, um wirklich „zeitgemäß“ zu sein.

Wir müssen die irreführende Definition von „zeitgemäß“ korrigieren.

Was ist die Ursache für den Modernismus als solchen? Wir haben über den Einfluß der Aufklärung und viele andere philosophische Einflüsse gesprochen. Aber die strengen Geometrien, der radikale Bruch mit der Vergangenheit, all das geschah zur Zeit der gewaltigen Umbrüche in Wissenschaft und industrieller Technik um den Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dies sollte uns einiges verraten. Letztlich hatte jede andere Ära die Möglichkeit, den Weg des streng geometrischen Minimalismus einzuschlagen, der zum Markenzeichen des Modernismus geworden ist. Es war schon lange vor dem 20. Jahrhundert möglich, uniforme Flugzeuge, rasiermesserscharfe Linien und nackte, strenge Geometrien zu bauen. Viele Kulturen haben Elemente solchen Minimalismus gebraucht, z.B. in Japan oder in Ägypten die Pyramiden und der Tempel der Hatschepsut. Doch hat es in diesen Kulturen immer eine bestimmte Maßstäblichkeit, die nie überschritten, eine reichhaltige, natürliche Komplexität innerhalb des minimalistischen Objektes gegeben - die reiche fraktale Textur von Holz, die Rauhheit von Reispapier, eine feine Welligkeit von Stein. Jedenfalls bis zum Einbruch industrieller Fertigungsmethoden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit denen jegliche Maßstäblichkeit verschwand - eine verführerische Möglichkeit für den Sprung zu Formen völliger Abstraktion als künstlerischem Ausdruck.

Man kann davon ausgehen, daß die modernistische Architektur in erster Linie versuchte, mit dieser neuen, industriellen Realität Schritt zu halten - wenn nicht gar: sie zu rechtfertigen. Es war ein gutgemeinter Versuch, einem Schwein Lippenstift aufzutragen.


Wissenschaft und Industrie bei Le Corbusier und Gropius

In den Schriften von Le Corbusier, Gropius und anderen frühen Anführern des Modernismus ist klar zu erkennen, daß sie von Wissenschaft und Industrie inspiriert waren; daß sie sogar davon überwältigt waren. Es ist deutlich zu erkennen, daß sie sich und ihren Berufsstand als marginalisiert, wenn nicht gar als überflüssig gemacht empfanden. Das modernistische Programm war ein verzweifelter Versuch aufzuholen und die Architektur in dieser neuen Welt wieder bedeutsam zu machen. Ihre Schriften sind voll von diesen Gedanken.

Bei Gropius z.B. ist zu lesen, daß das wissenschaftliche Biest außer Kontrolle geraten sei und die Künstler einen Weg finden müssten, wieder die Oberhand zu gewinnen.

Le Corbusier hingegen scheint völlig begeistert zu sein von den Kräften der Wissenschaft und der Industrie und davon, wie sie die alten, toten Ideen und Formen reinigen und rationalisieren werden.

In beiden Fällen ist die Realität bereits da - unbestreitbar und überwältigend. Beide versichern, daß die Architekten nun eine neue Form der Kunst finden müssten um diesen strengen Abstraktionen, diesem geometrischen Fundamentalismus gerecht zu werden.

Wie Gropius richtig bemerkt ist dies eine reduktive Technologie, deren Macht in der De- und Neumontage von Atomen besteht. Sogar damals wusste man schon, daß diese Form des Industrialismus das lebendige Gefüge des Planeten und unsere eigene Menschlichkeit bedrohte. Gropius tat zu seiner Zeit alles, was sein begrenztes Wissen über dessen wahre Natur zuließ, diesen menschlicher zu machen.

Hundert Jahre später wissen wir mehr. Die Wissenschaft hat eine weitere Revolution erlebt - eine, in der Mechanik auf atomarer Ebene durch Wissen über Feldeffekte, Netzwerke, Differenzierung und organisierte Komplexität bestimmt wird.

Dieses ist, was ich als Die Neue Wissenschaft bezeichnet habe und was ein wirksames Werkzeug für unser Bestreben ist.

Die Architektur ist noch nicht bei diesem neuen Wissen angekommen. Tatsächlich ist sie heute mehr in ihrer eigenen Vergangenheit verfangen als die Architekten des 19. Jahrhunderts.

Das ist die Herausforderung.

Eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern, Philosophen und Architekten kommen zu dem Schluß, daß uns die Neue Wissenschaft wieder zur Anerkennung der kollektiven Intelligenz führt - des unvergleichlichen Genius der Tradition. „Strukturelle Attraktoren“, „Patterns“ und „Differenzierung“ sind vielversprechende Grundlagen für die Wiedervereinigung von Wissenschaft und Architektur - nicht als Rechtfertigung eines blanken Industrialismus sondern auf eine Weise, die Hoffnung macht auf eine Architektur, die unserer Menschlichkeit wert und einem technologischen Zeitalter angemessen ist.

In diesem Sinne (und vielleicht NUR in diesem Sinne) können wir uns selbst als die wahren Erben der Modernisten betrachten. Wir können eine Annäherung unserer Arbeit zu der der „fehlgeleiteten“ Modernisten suchen anstatt über eine unüberwindbare Kluft zu rufen. Wir können Vorreiter sein.

Doch zunächst müssen wir uns über die Natur des frühen modernistischen Projekts und seine Beziehung zu Wissenschaft und Industrie einigen.


Quellentexte

Hier ist Le Corbusier in seinem Klassiker „Ausblick auf eine Architektur“ (1924). Man bemerke wie bewegt er von der neuen Epoche der Wissenschaft und Industrie ist. Er versucht einen Vorteil aus den neuen Notwendigkeiten zu ziehen.

Ein großes Zeitalter ist angebrochen.
Ein neuer Geist ist in der Welt.
Die Industrie, ungestüm wie ein Fluß, der seiner Bestimmung zustrebt, bringt uns die neuen Hilfsmittel, die unserer von dem neuen Geist erfüllten Epoche entsprechen.
Das Gesetzt der Sparsamkeit lenkt gebieterisch unser Tun und Denken.
Das Problem des Hauses ist ein Problem unserer Zeit. Das Gleichgewicht der Gesellschaftsordnung hängt heute von seiner Lösung ab. Erste Pflicht der Architektur in einer Zeit der Erneuerung ist die Revision der geltenden Werte, die Revision der wesentlichen Elemente eines Hauses.
Der Serienbau beruht auf Analyse und experimenteller Forschung. (und auf Wissenschaft! MM)
Die Großindustrie muß sich des Bauens annehmen und die einzelnen Bauelemente serienmäßig herstellen.
Es gilt, die geistigen Voraussetzungen für den Serienbau zu schaffen.
Die geistige Voraussetzung für die Herstellung von Häusern im Serienbau.
Die geistige Voraussetzung für das Bewohnen von Serienhäusern.
Die geistige Voraussetzung für den Entwurf von Serienhäusern.
Wenn man aus seinem Herzen und Geist die starr gewordenen Vorstellungen vom Haus reißt und die Frage von einem kritischen und sachlichen Standpunkt aus ins Auge faßt, kommt man zwangsläufig zum Haus als Werkzeug, zum Typenhaus, das gesund ist (auch sittlich gesund) und ebenso schön wie die Werkzeuge der Arbeit, die unser Dasein begleiten.
Schön außerdem dank der Beseelung, die künstlerischer Sinn strengen und reinen Werkzeugen vermitteln kann. (Italics:MM)



Im Kontrast dazu Gropius in „Totale Architektur“, der die Effekte von Wissenschaft und Industrie mit Sorge betrachtet und den Künstler als notwendiges humanisierendes Gegenmittel sieht.


Das Jahrhundert der Wissenschaft

Ich habe versucht für mich selbst zusammenzufassen, was die Veränderungen sind, die in meiner Lebenszeit sowohl im physischen als auch im geistigen stattgefunden haben. Das geistige Klima der 1880er und 1890er wahr mehr oder weniger statisch. Es drehte sich um ein anscheinend unveränderliches Konzept ewiger Wahrheiten. Wie schnell ist dieses Konzept verschwunden, veränderte sich zu dem von einer Welt ständiger Veränderungen und wechselseitiger Phänomene. Raum und Zeit wurden Koeffizienten der gleichen kosmischen Kraft.
Jeder denkende Zeitgenosse versucht nun herauszufinden, was der endgültige Wert unseres erstaunlichen wissenschaftlichen Fortschritts sei. Wir sprechen so häufig von der Tatsache, daß die rasante Entwicklung der Wissenschaft so tief in unser gewohntes Muster unserer Existenz eingeschnitten habe, daß wir mit nichts als unbeantworteten Fragen dastehen. In seiner ewigen Neugier hat der Mensch gelernt, seine Welt mit dem Skalpell der Wissenschaft zu sezieren und dabei sein Gleichgewicht und den Blick für das Ganze verloren. Unser wissenschaftliches Zeitalter, extrem in der Spezialisierung, verhindert offenbar, daß wir unser kompliziertes Leben als Einheit verstehen. Wie Albert Einstein gesagt hat: “Typisch für unser Zeitalter sind Perfektion der Mittel und Konfusion über die Absichten.“


Die Aufgabe der Wiedervereinigung

Aber es gibt anzeichen dafür, daß wir uns langsam von der Überspezialisierung und ihrem verheerenden atomisierenden Effekt auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft entfernen. Wenn wir den geistigen Horizont unserer derzeitigen Zivilisation betrachten, stellen wir fest daß viele Ideen sich damit beschäftigen, die Verbindungen zwischen den einzelnen Phänomenen des Universums zu entdecken, die die Wissenschaftler bisher nur isoliert von den umgebenden Phänomenen betrachtet haben. Die Medizin entwickelt den psychosomatischen Ansatz zur Behandlung von Krankheiten, der die wechselseitige Beeinflussung von Psyche und Soma, dem Körper, anerkennt. Die Physik verfügt über neues Wissen bezüglich Materie und Energie. Der Künstler hat gelernt, mit trägen Materialien eine neue Dimension auszudrücken - Zeit und Bewegung. Sind wir auf dem Weg, eine umfassende Vision der Einheit der Welt zurückzuerlangen, die uns verloren ging? In der gigantischen Aufgabe der Wiedervereinigung wird der Planer und Architekt eine große Rolle spielen.
Wir haben eine Umfrage-Mentalität entwickelt, eine mechanistische Konzeption; wir verlassen uns auf Quantität anstatt auf Qualität, auf Erinnerung anstatt auf Ideen, wir streben nach Zweckmäßigkeit anstatt eine neue Anschauung zu entwickeln. (Das war 1937! MM)


Der Künstler: Prototyp des „vollkommenen Menschen“

Gibt es ein Gegenmittel zu dieser Tendenz? Natürlich hat unsere Gesellschaft den bedeutenden Wert des Wissenschaftlers für ihr Überleben erkannt. Wenn es jedoch darum geht, unsere Umwelt zu kontrollieren und zu formen, sind wir uns der Bedeutung des Künstlers wenig bewußt. Unglücklicherweise ist der Künstler vergessen worden, betrachtet als lächerlicher und überflüssiger Luxusartikel der Gesellschaft. Mein Glaube jedoch ist ganz im Gegenteil die gesellschaftliche Notwendigkeit zur Teilnahme an der Kunst als Gegengewicht zur Wissenschaft, damit deren atomisierender Effekt auf uns aufgehalten wird. (Italics: Original! MM)

Einige Fakten in diesen Texten sind besonders bemerkenswert.

1. Diese Leute haben es gut gemeint - etwas, was uns über unsere intellektuellen Gegner klar sein muss, wenn wir ihnen wirksam begegnen wollen. (Martin Luther King hat einmal gesagt, er hätte die Gegner der Bürgerrechte in den Südstaaten immer als potentielle Freunde behandelt. Teils aus christlicher Überzeugung, teils jedoch auch weil er wusste, daß er sie nach seinem Sieg als Freunde brauchen würde.) Le Corbusier, Gropius, Mies und andere versuchten in ihrer Zeit und mit dem begrenzten Wissen ihrer Zeit, die wissenschaftliche und industrielle Realität in ihre Vision einer humanen Architektur zu integrieren. Sie haben einfach vieles falsch verstanden: Geometrie, verknüpfte Strukturen, die Anpassungsfähigkeit natürlicher Komplexität. Es war ein Irrtum zu glauben, die Industrie ihrer Tage hätte traditionellem Ornament und Geometrie ein letztgültiges Ende bereitet.

Heute wissen wir, daß das, was sie als Endzustand einer idealen Industrie wahrnahmen, nur eine vorübergehende Phase grob reduktionistischer Technologie war. Heute wissen wir, daß angepasste Handwerksprozesse, „Pattern“-Systeme, Computernetzwerke und viele andere Veränderungen in der Industrie eine Vielzahl von Differenzierungen und Komplexität erlauben, die sie sich nicht vorstellen konnten. Jetzt, da sich Industrie und Wissenschaft verändert haben, müssen wir die Profession weiterbringen, heraus aus der fortwährenden Verschlingung in eine überholte industrielle Vergangenheit.

Ironisch, oder?

2. Wir befinden uns heute in einem nicht weniger technologischen Zeitalter. Wir können den Einfluß der Wissenschaft auf die Gesellschaft nicht verleugnen. Wir können nicht so tun, als sei die Wissenschaft der Feind und wir müssten sie nur ignorieren um nicht auf sie reagieren zu müssen. Wissenschaft ist lebendige Tradition, die Verkörperung des fundamental menschlichen Strebens, die Struktur des Universums zu verstehen um schließlich unsere Erkenntnisse für unser Überleben und die Verbesserung unserer Lebensumstände zu verwenden.

Es ist an der Zeit, in dieser und unserer eigenen - wiederbelebten - Tradition weiterzumachen.


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Postscriptum

Ich habe den folgenden Kommentar von meinem Freund und früheren Professor, Christopher Alexander, erhalten. Meine Antwort ist angefügt.


„Lieber Michael;

Ich fand dein „Science and the Modernist World“ sehr gut und sehr hilfreich. Trotzdem habe ich eine Anmerkung zum Schwerpunkt.

Während des wiederholten Lesens deines Beitrags bekam ich den Eindruck, daß du zu viel Vertrauen in die Wissenschaft setzt. Du hast vollkommen Recht, daß die Neuen Wissenschaften, die du erwähnst es grundsätzlich ermöglichen, gewisse stilistische Elemente in der Architektur auszusortieren, und genauer zu identifizieren - genauer, als die Traditionalisten das bisher geschafft haben - was wichtig und gut in der Architektur ist. Der Vorteil der wissenschaftlichen Betrachtung ist enorm, da es den Schwerpunkt von möglicherweise gefälschten oder absurden Dingen fortbewegt. Dadurch bekommen wir vielleicht ein klareres Verständnis für das, was gut ist und was wir mit unseren Gebäuden erreichen wollen, ohne uns zu sehr an der Vergangenheit zu orientieren.

Trotzdem können wir uns nicht zu sehr auf die Wissenschaft verlassen. Unglücklicherweise - das weißt du so gut wie ich - sind die meisten der Wissenschaftler, die in diesen neuen Bereichen der Wissenschaft arbeiten - selbst die aufgeklärtesten - ausgesprochen widerwillig, ihre Erkenntnisse mit dem zu vermengen, was ich mal „Einfache Herzensgüte“ nenne. Natürlich sind sie alle gute Menschen und versuchen, Güte in ihr Leben zu bringen, das tun wir alle. Unzweifelhaft ist das so. Aber wenn sie als Wissenschaftler sprechen, sind sie widerwillig aufgrund eines die modernen Wissenschaften beherrschenden Gefühls, daß Wissenschaft sich nicht mit Güte beschäftigen kann, nicht einmal am Rande. Also versuchen sie sich in übertriebener Neutralität, die die gleichen Zerstörungen auf der Erde angerichtet hat, die ein übertriebener Modernismus in der Architektur angerichtet hat. Diese übertriebene Neutralität ist für die Wissenschaft ebenso tödlich, wie Modernismus und übertriebener Traditionalismus tödlich sind für die Architektur.

So ist zum einen unsere Aufgabe in der neuen Architektur in Gebäuden Herzensgüte zu erlauben, zu unterstützen und sie einzuführen, in das, was Gebäude erreichen sollen, wofür sie stehen. Herzensgüte.

Unsere Aufgabe ist es, Ausdrucksformen hierfür zu finden - Formen, Bauweisen, Visionen von Straßen, Gebäuden, Räumen, in denen sich Herzensgüte und Seelenfrieden wiederfinden, die trotzdem in die Welt passen, die wir bewohnen, so daß die Gebäude gewöhnlich sind, nicht prätentiös, Reinheit der Linie und trotzdem Komplexität der Struktur, eine tiefe Verbindung zu Gefühlen und Empfindsamkeiten des 21. Jahrhunderts - nicht des 18. Jahrhunderts.

Ich habe mein Leben mit dem Versuch zugebracht, dies zu tun und Gott weiß, es ist schwierig genug. Du selber weißt das so gut wie ich. Aber ich dachte, dieser Kommentar könnte deinen Artikel, der ein bißchen zuviel Vertrauen in die Wissenschaft wie sie ist setzt, und der nicht wirklich zugibt, daß Stil und Formen - unser neuer Stil und unsere neuen Formen - von uns entwickelt werden müssen; nicht wegen irgendeiner Tugend der Neuheit sondern weil unsere Welt sozial, finanziell, ökologisch und technisch völlig verschieden ist von der Welt unserer Vorväter und die alten Formen nicht mehr passen.

Um die Vereinigung (von Wissenschaft und Architektur) zu finden, die du suchst, sollten wir eine neue Formen für Gebäude entwickeln, die freundlicher zum menschlichen Herzen sind. Und, um die Vereinigung zu finden, die du suchst, wird sich auch die Wissenschaft mehr in Richtung Moral und Menschlichkeit bewegen müssen und zulassen, daß Güte ein Teil der Wissenschaft wird - auf eine Weise, mit der sie gerade erst angefangen hat.

Ich habe versucht einiges von dem in meinem KATARXIS 3 - Artikel zum Ausdruck zu bringen, wo ich auf Interviews mit Wissenschaftlern antworte.

Mit all meinen besten Wünschen

Chris


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Lieber Chris;

Ich stimme dir völlig zu - ich kann ir nicht vorstellen, wie jemand über eine angemessene Architektur für unsere Zeit nachdenken kann ohne gründlich in Betracht zu ziehen, aus welchem Werteverständnis heraus sie entstehen soll. Ich glaube auch nicht, daß die Wissenschaft sich solchen Wertefragen verschließt oder verschließen soll. Wir hatten bereits darüber gesprochen, daß das Thema „Wert“ während der letzten 400 Jahre oder so künstlich aus dem Blickfeld der Wissenschaft herausgehalten wurde und erst in letzter Zeit wieder behandelt wird - unglücklicherweise (aber erwartet) ist der Weg zurück der des sprichwörtlichen Kamels durch das ebenso sprichwörtliche Nadelöhr. Ich denke, dies ist unverzichtbar - die Untersuchung und Re-Integration wird schließlich als der einzig logische und wissenschaftliche Weg gesehen werden. (Ich denke, Leute wie Goodwin gehen bereits in diese Richtung.) Aber das ist ziemlich angsteinflößendes Zeug, der positivistische Trugschluß scheint ein sichereres berufliches Refugium zu sein.

Daher denke ich, daß es besser ist, diese Frage vom Territorium der Philosophie (besonders der Wissenschaftsphilosophie) her anzugehen, um den Wissenschaftlern eine bequemere Brücke zu bauen. (Deshalb glaube ich auch, daß die Schriften von Whitehead in dieser Hinsicht so nützlich sind.) Ich denke wir müssen unsere Sprache dem anpassen, was von unserem Publikum heute verstanden wird. Und ich glaube, daß dann das Thema „Wert“ langsam in die Diskussion gebracht werden kann, mit verblüffenden Ergebnissen für alle Beteiligten, und die Wissenschaft bekäme wieder eine zentralere Position in einem umfassenderen Weltbild.

Ich erinnere an das, was du kürzlich über unser Projekt, diese Ideen in KATARXIS 3 zu diskutieren, geschrieben hast:

„Jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise davon überzeugt, daß eine ehrliche Architektur im Prinzip aus den Fakten, Einsichten und Theorien erschaffen werden kann, die sich auf die eine oder andere Weise aus den modernen Betrachtungen von Komplexität ergeben; und aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Komplexitätstheorie, die sich aus der Architektur selbst ergeben haben.“

Ich glaube wir alle arbeiten daran, diese Ideen in der Richtung weiterzuentwickeln, die du selbst für viele Jahre erforscht hast; die gleiche revolutionäre Richtung, die heute viele Wissenschaftler in unterschiedlichen Disziplinen untersuchen: den Bereich von Gefühl, von Wert und von Qualität.

Kaum woanders kann man den Ausschluss von Gefühl deutlicher beobachten als in der Architektur. Natürlich ist den Architekten klar, daß Gefühl ein wesentlicher Bestandteil dessen ist, was sie tun. Aber heutzutage tun sie das in einer Welt, in der Gefühl fast nur als psychologisches Phänomen wahrgenommen wird - eine charakteristische „persönliche Vorliebe“. Das bringt natürlich die Frage auf, wie wir uns darauf einigen solen, was wirklich große Architektur ist, wenn doch alles eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Irgendwie können wir es trotzdem. Offensichtlich ist da ein objektiver Prozess am Werk, den die Wissenschaft nocht nicht entdeckt hat.

Auch ist es weithin anerkannt, daß es universelleres Einverständnis über die großen Werke der Vergangenheit gibt. (Selbst Modernisten und Post-Modernisten ziehen es vor, in alten anstatt in neuen Gebäuden zu leben.) Wir glauben, daß dies eine interessante und bedeutende Beobachtung ist - daß es unabhängig vom Alter dieser Gebäude eine Frage der Geometrien und des Prozesses ihrer Erbauung in ihren jeweiligen Zeitperioden ist. Es stellt sich die Frage warum bestimmte Geometrien bestimmte Empfindungen hervorrufen. Bis heute hat sich die Wissenschaft unbegreiflicherweise noch nicht damit befasst.

Also fühlen sich viele der führenden Architekten so, als hätten sie nichts weiter zu tun als mit ihren dekonstruierten Spielzeugen herumzualbern; wie gelangweilte und boshafte Kinder. Sie sind in einer tiefen und vielleicht sogar unerkannten Krise.

Die logischen Widersprüche in der positivistischen Betrachtung von Gefühl sind von vielen Philosophen belegt worden, besonders von Bergson und Whitehead. Die beiden belegen den unvermeidlichen Zustand des Fühlens, seinen ontologischen und sogar metaphysischen Status. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß eine neue Generation von Wissenschaftlern diese und ähnliche Berichte untersucht, im Kontext von harter Wissenschaft. Neue Entwicklungen in der Neurowissenschaft, Genetik und anderen Feldern der Biologie weisen eindeutig auf eine „Große Vereinigung“ der Welt der Fakten und der Welt des Fühlens. Biologen wie Richard Goodwin sprechen heute offen von einer „neuen Wissenschaft der Qualität“. E.O. Wilson spricht von den zu erwartenden, revolutionären Entdeckungen in der Ästhetik, und daß die Disziplin jetzt „auf ihren Mendeleyev wartet“.

Ich glaube, daß du und die anderen in KATARXIS 3, als auch die vielen Wissenschaftler, die in unterschiedlichen Disziplinen arbeiten, eine reiche Ader angezapft habt - was möglicherweise unvorstellbare Konsequenzen dafür haben könnte, wie Menschen ihre Welt verstehen und organisieren werden; und zwar unvorstellbar positive auf dem Weg aus dem Dickicht reduktionistischer Technologie. Ich bin mir sicher, daß die enorm produktive, 400 Jahre währende Ära, in der Fakten künstlich der Vorzug gegenüber Gefühlen gegeben wurde, unvermeidlich zu Ende geht und sich dem Kollaps nähert.
Um die nächste historische Phase vorzubereiten - auf dich, andere, wen auch immer - wartet die Arbeit der Mendeleyevs.

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Michael Mehaffy ist Autor und Stadtplaner in Portland/Oregon und Mitherausgeber von KATARXIS, einem Online-Architekturjournal.
eMail: mmehaffy@comcast.net

© Michael Mehaffy 2003
© INTBAU 2003
© der Übersetzung: Umbau-Verlag 2004


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