Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.
Nikos A. Salingaros
Architektur des 20. Jahrhunderts als Kult
1. Einführung
Ich habe zu meiner Überraschung festgestellt, daß Architekten nicht interessiert sind an den Gesetzen der Architektur. Sie ziehen es vor, Gebäude auf der Basis von modischen oder philosophischen Überlegungen zu entwerfen. Mit der gleichen Einstellung wurden die Anstrengungen meiner geschätzten Kollegen, Christopher Alexander und Léon Krier, aufgenommen, die Architektur als Disziplin zu reformieren. Ein weiterer Versuch wurde initiiert durch Prince Charles. Obwohl die Mehrheit der britischen Öffentlichkeit seine Vision einer humanen Architektur teilt, sind seine Bemühungen gescheitert.
Wie schafft es die Architektenschaft so erfolgreich, jegliche Reformversuche abzuwehren? Ich glaube, die Antwort findet sich in einem Phänomen des Systems. Architektur ist ein Kult - und das Letzte, was ein Kult will, ist, in eine echte Wissenschaft transformiert zu werden. Der Grund hierfür ist der, daß diese beiden Systeme sehr unterschiedliche innere Strukturen aufweisen, welche wiederum die Grundlage der jeweiligen Kontrollstrukturen ergeben. Es gibt keinen weichen Übergang von einem Kult zu einer Disziplin, die auf logischen Grundsätzen aufbaut.
Architektur ist nicht dafür geschaffen, äußeren Einflüssen in der Weise zu widerstehen, wie die Wissenschaft das kann. In der Wissenschaft gibt es weitreichende systemische Stabilität. Im Gegensatz dazu ist zeitgenössische Architektur, wie jedes andere nicht auf Rationalität und Experiment fußende Glaubens-System, extrem anfällig für Systemzusammenbrüche, weil selbst kleine Veränderungen nicht zugelassen werden können.
Erst wenn sich die Gesellschaft entscheidet, Architektur nicht mehr als einen Kult sondern als Ergebnis logischer Überlegungen zu betrachten, wird das derzeitige Macht-System verschwinden. Ein anderes System, zusammengesetzt aus anderen Personen, unterstützt von einem anderen Bildungs-System wird entstehen. Die etablierten Architekten wissen nur zu genau, daß ihr derzeitiger Wohlstand vom Erhalt des derzeitigen Systems abhängig ist, und leisten großartige Arbeit, den Einfluß dieses Systems auf die Gesellschaft zu erhalten.
2. Definition des Kultes
Ein System ist dann ein gefährlicher Kult, wenn es die folgenden Charakteristika aufweist, Absichten gepaart mit Techniken:
1. Es will zerstören
2. Es isoliert die Beteiligten von der Welt
3. Es beansprucht für sich besonderes Wissen und Moral
4. Es verlangt strikten Gehorsam
5. Es praktiziert Gehirnwäsche
6. Es ersetzt das eigene Weltbild
7. Es hat eine selbstreferentielle Philosophie
8. Es erschafft seine eigene, für außenstehende unverständliche, Sprache
Ich werde hier aufzeigen, daß zeitgenössische Architektur diese Kriterien erfüllt.
3. Architektur und Kulte
Wenige Menschen verbinden Architektur heute mit Religion, obwohl Architektur bis vor etwa zweihundert Jahren von der Religion nicht zu trennen war. Heute ist die Architektur zu ihrem eigenen Kult geworden. Architektur liegt im Wettstreit mit der Religion, da sie ihren Anhängern überweltliche Ziele verspricht. Sie bietet mystische Verzauberung und Einsichten, die nur durch die Macht der Kreativität erlangt werden können, und ist somit eine vielversprechende Gelegenheit für jeden Novizen. Der Architekt sieht die Gelegenheit transzendentalen Ausdrucks, der über die reine Nützlichkeit des Gebäudes hinausgeht. Entgegen dem von den Modernisten erklärten Insistieren auf Funktionalismus, waren sie doch selbst auch bezaubert von ihren eigenen Ideen formalen Ausdrucks.
Daher ist es auch nicht überraschend, daß die Architektur die Arbeitsweisen der Religion mißbrauchte, um sich selber weiterzubringen.
Bauhaus und Taliesin - zwei „Trainingscamps“ und Grundlage zeitgenössischer Architekten-Ausbildung - funktionierten nach kultischen Strukturen. Walter Gropius führte ein strikt autoritär-kultisches Regime für ansässige Bauhaus-Studenten. Johannes Itten, Anhänger einer Splittergruppe der mazdaistischen (zoroastrischen) Religion, führte Bauhaus-Studenten in deren mystische Praktiken ein. Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Theo van Doesburg (alles zeitweilig Bauhaus-Lehrer) gehörten der Theosophistischen Bewegung von Helena Blavatsky an. Sie vertraten die mystische Kosmologie des Theosophisten Dr. M. Schoenmackers, dessen astrologische Theorien nur die Primärfarben Gelb, Blau und Rot zuließen.
Auf der anderen Seite des Atlantik wurden die kultischen Praktiken in Taliesin von F. L. Wrights dritter Frau Oglivanna organisiert, einer Schülerin des griechisch-armenischen Mystikers George Gurdjeff. Gropius setzte seine anti-traditionalistischen Prinzipien in dem Moment durch, als er 1938 Leiter der Architekturabteilung der Harvard University wurde und schuf das Modell für die Architektenausbildung nach dem Krieg. Architekturschulen auf der ganzen Welt kopierten bald das, was er und Wright getan hatten.
Es ist unbedeutend, ob die oben genannten spirituellen Gruppen wohltätige, gütige oder schädliche Kulte repräsentieren. Kultmethoden wurden verwendet, um aus der Architektur einen Kult zu machen, dazu ob seiner bösartigen und zerstörerischen Absichten einen extrem gefährlichen. Ein Schlüssel-Aspekt des Modernismus war die absolute Überzeugung, sämtliche vor-modernistische Architektur hätte zu verschwinden.
Der Zeitpunkt, zu dem aus der Architektur ein Kult wurde, ist der, als traditionelle Baumethoden aufgegeben wurden. Wie die Wissenschaft besteht auch die Architektur aus einem gewaltigen Repertoire praktischen Wissens und technischer Fähigkeiten, die zunächst beherrscht werden müssen bevor eigene Beiträge gemacht werden können. Durch die Aufgabe dieses Prinzips konnten die Modernisten denen sofortige Erfüllung versprechen, die sich dem Kult anschlossen. Sie köderten ihre Gefolgschaft mit dem Mythos des Kreativen Genies. Die Ausbildung dauerte weiterhin mehrere Jahre, doch wurde die Zeit anders verbracht. Anstatt die Grundregeln der Architektur zu erlernen, lernten sie die Ergebenheit in den Kult.
4. Gehirnwäsche
Die Indoktrination durch den Kult beginnt damit, Selbstvertrauen und Selbstachtung einer Person zu zerstören; sowohl das emotionale Gleichgewicht als auch das in der Kindheit erworbene Urvertrauen, das Vertrauen in die eigene Intuition und die eigenen Sinne. Die Methoden, dies zu erreichen, beinhalten mentale und physische Verstümmelungen um automatische und natürliche Reaktionen zu diskreditieren. Sobald interne Stabilität und Selbsteinschätzung innerhalb des eigenen Weltbildes ausgelöscht sind, ist der Kandidat bereit für jegliche Art der Beeinflussung.
Für Jahrzehnte wurden Architektur-Novizen dahingehend konditioniert, daß sinnliche Befriedigung durch Ornament und architektonische Formen, Oberflächen und Farben ein krimineller Akt sei. Es wurde versichert, daß diese bloß für primitive Völker und sozial Degenerierte eine Quelle der Freude sein könnten. Tatsächlich zeichne nur die kultivierte Gleichgültigkeit gegenüber sinnlich bewegenden Elementen in der Architektur das intellektuell fortgeschrittene Individuum aus. Da aber psychologische und physiologische Reaktionen auf diese „verbotenen“ Elemente ganz natürlich sind, stellt sich wie gewünscht das Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit ein; wie dafür gemacht, den Willen eines Studenten zu brechen. Selbstachtung wird dann mittels des modernistischen Repertoires unnatürlicher, feindlicher Formen und Oberflächen wiederaufgebaut - ab diesem Punkt gilt nur noch die Realität des Kultes.
Einer der Leitsprüche des Bauhauses war „bei Null anfangen“. Die Absicht war eine radikale Restrukturierung menschlichen Bewusstseins. Jeder neue Student war Gegenstand intensiver psychologischer Konditionierung mit dem Ziel, jegliche mitgebrachte Vorstellung von Architektur auszulöschen; sozusagen das neuronale Netz des Studenten neu zu verdrahten.
Die Studio-Methode architektonischen Trainings ist die beste Voraussetzung für kultische Beeinflussung. Das Projekt eines Studenten wird dahingehend beurteilt (und zwar ohne die Grundlage bewiesener und logischer Kriterien), in wie weit es zeitgenössisch-modischen Trends folgt. Der Fortschritt eines Studenten ist völlig abhängig von der Willkür seines Lehrers. Es ist daher keine Überraschung, daß trotz aller Bekenntnisse zu Freiheit und Kreativität die Arbeiten von Studenten sich - stilistischen Dogmen folgend - alle gleichen. Studenten, die sich den Überzeugungen des Kultes verweigern, werden ausgeschaltet, bevor sie ihren Abschluss erreichen und somit niemals Architekten.
5. Der Kult des Dekonstruktivismus
Mit einem vernichtenden Streich haben die beiden Physiker Alan Sokal und Jean Bricmont einige der prominentesten französischen Philosophen des Dekonstruktivismus als Scharlatane entlarvt.
In der Welt der Wissenschaft werden Scharlatane nicht geschützt. Die Gesellschaft ihrer Kollegen würde sie aus den Positionen entfernen, in denen sie weiteren Schaden anrichten könnten. Die Wissenschaft schützt ihre Prinzipien, nicht den Wissenschaftler - etwas, was sie von Disziplinen ohne wissenschaftliche Basis unterscheidet. In der Architektur-Arena sind die Dekonstruktivisten unangreifbar, weil die Disziplin weitgehend von kultischem Glauben geprägt ist. Diejenigen, die dekonstruktivistische Theorien zur Rechtfertigung ihrer bizarren Konstruktionen benutzen, stehen zur Zeit an der Spitze ihres Standes.
Etwas läuft gefährlich falsch in einer Gesellschaft, die die Entlarvung intellektueller Betrüger ignoriert. Wenn ein Teil eines Systems krank ist, gefährdet dies das gesamte System. Verbindungen innerhalb des Systems infizieren den Rest des Systems (in diesem Fall die Gesellschaft als Ganzes) und zerstören es schließlich. Unsere Zivilisation scheint so selbstzufrieden mit all ihrem technischen Fortschritt, daß sie Bedrohungen ihrer Existenz gar nicht mehr wahrnimmt. Wir lassen uns von technischen Spielereien ablenken anstatt unser Wissen zu verwenden um unsere Gesellschaft gesund und funktionsfähig zu erhalten. Traditionellere Kulturen sind sich dessen bewußt, wissen jedoch nicht, wie sie in konstruktiver Weise reagieren könnten.
Architekturschulen bilden Absolventen aus, die zwar erfüllt sind mit dekonstruktivistischer Philosophie aber unfähig, ein einfaches, menschlichen Empfindsamkeiten angemessenes Gebäude zu entwerfen. Dekonstruktivistische Gebäude haben vielmehr die Eigenschaft, Leben aus der Umgebung zu entfernen. Da wird Leben mit mathematischen Begriffen als messbarer Anteil organisierter Komplexität biologischer Formen definiert. Nichts davon ist auch nur im Entferntesten verständlich für praktizierende Architekten oder Architektur-Studenten, weil die gesamte Disziplin selbstreferentiell geworden ist. Da ist keinerlei Verbindung zur Realität - was dann arroganterweise auch noch zur obersten Absicht der Dekonstruktivisten erklärt wird.
Die dekonstruktivistische Zielsetzung ist die Zerstörung der logischen Fundamente von Wissen und Argumentation - und zwar auf eine Weise, die die anschließende Rekonstruktion unmöglich macht. Für dekonstruktivistische Architekten gibt es kein Utopia - nur Nihilismus.
6. Architektonische Kultsymbole
Die psychologische Konditionierung von Architektur-Studenten mit Hilfe eines „genehmigten“ Formen-Kanons führt zwangsläufig zu negativen Assoziationen bezüglich des „nicht-genehmigten“ Formen-Kanons traditioneller Gebäude. Eine erstaunlich wirksame Propaganda-Kampagne hat die traditionelle Architektur erfolgreich zum Inbegriff aller Übel der Geschichte werden lassen. Für viele ist ein klassisches Gebäude ein Synonym für „das Böse“, ein traditionelles, vernakuläres Gebäude ist ein ernsthaftes Hindernis für den Fortschritt. Ebenso wie Labormäuse und Kriegsgefangene abgerichtet werden, auf einen bestimmten Reiz zu reagieren, sind Architekten darauf abgerichtet worden, eine körperliche Abneigung gegen neue Gebäude im traditionellen Stil zu empfinden. Die Gehirnwäsche durch den Kult läßt sie unreflektiert die Feinde des Kult erkennen.
Das Kultsymbol des Modernismus ist das leere Rechteck; seine Leere ist ebenso wichtig wie seine scharfen Kanten. Da das modernistische Dogma Ornament im menschlichen Maßstab von 1-2cm streng verbietet, existieren auch keine modernistischen Symbole dieses Maßes, zu denen ein menschliches Wesen eine Verbindung herstellen könnte. Die Imposanz modernistischer Ästhetik entsteht aus der Erschaffung von Leere. Ihr Symbol ist eben diese Abwesenheit von Symbolen. Das geistige Bild „reiner“ Form tilgt jegliche lebendige Struktur aus unserer Welt.
Theo van Doesburg (De Stijl und Bauhaus) soll gesagt haben, „Das Rechteck ist für uns, was das Kreuz für die frühen Christen war“. Hier stellen wir eine philosophische Ebenenverschiebung fest, von visuellen Symbolen hin zu einem abstrakten Ideal. Die Modernisten verehrten die unerreichbare Abstraktion geometrischer Reinheit - und dieses verdrängte alle visuellen und architektonischen Symbole der Vergangenheit. Hier zeigt sich die Übertragung der Werte von traditionellen Symbolen, die Religion versinnbildlichen können, hin zu einem abstrakten Ideal, welches in Konkurrenz zur Religion steht.
Dekonstruktivismus ist ein Ableger des Modernismus, der viele der Kultsymbole seines Vorfahren beibehalten hat; z.B. scharfe Kanten und High-Tech-Oberflächen. Auf der Suche nach Neuheiten in einem ernstlich beschränkenden Stil, gaben die dekonstruktivistischen Architekten die horizontal-rechtwinklige Architektur des Modernismus auf und schufen statt dessen Diagonalen, gebrochene und gekrümmte Linien. Die Absicht des Modernismus, das Kopieren historischer Stile zu beenden, wurde erreicht durch weitgehende geometrische Abstraktion. Die einzige Möglichkeit, die leere Abstraktion zu verlassen - ohne wieder zur geordneten Komplexität traditioneller Architektur zurückzukehren - ist die Zerstörung aller Formen. Da Modernismus als Denkweise organisierte Komplexität ablehnt konnte dies nur zu unorganisierter Komplexität führen.
Architektonische Kultsymbole funktionieren wie Viren, die die gebaute Umwelt infizieren. Wie Parasiten haben sie sich sogar in etablierten Religionen eingenistet; mit der Folge, daß religiöse Bauten der Nachkriegszeit mehr über den Geist des Kultes als die geistlichen Werte ihrer Bauherren aussagen.
7. Die Schlussfolgerung
Nachdem der architektonische Kult zum Establishment geworden ist, kontrolliert er sowohl die Architekten-Ausbildung als auch die Medien. Dekonstruktivismus durchdringt die Kunst, Literatur, Philosophie und die Sozialwissenschaften - also wo finden wir Vernunft und Unterstützung? Es gibt zwei Disziplinen, die Kulten entgegengesetzt sind - die die natürlichen Verbündeten für menschliche Architektur heute und in Zukunft darstellen. Dies sind Wissenschaft und Religion. Die Schwäche eines destruktiven Kultes liegt in seiner Abgeschnittenheit von der Wissenschaft und von Gott.
Unglücklicherweise haben die Modernisten die Wissenschaft schändlichst missbraucht, und nun übernimmt die dekonstruktivistische Propagandamaschinerie Begriffe wie „Fraktale“, „Non-Linearität“, „Chaos“ und „Entstehen“. Wir müssen der Welt die Wahrheit sagen: daß die Neuen Wissenschaften eindeutig die traditionelle Architektur als verwurzelt in den gleichen schöpferischen Prozessen erkennt, die auch den Rest des Universums hervorgebracht haben. Eine neue, humane Architektur, kann die Kluft zwischen Wissenschaft und Religion überbrücken, und dieses Bündnis kann eine bessere Welt erschaffen.
Bibliography
Mehaffy, Michael W. and Salingaros, Nikos A., Geometrical Fundamentalism, in Plan Net Online Architectural Resources, (January 2002), approximately 20 pages.
Salingaros, Nikos A. and Mikiten, Terry M., Darwinian Processes and Memes in Architecture: A Memetic Theory of Modernism, in Journal of Memetics - Evolutionary Models of Information Transmission, Volume 6 (2002), approximately 15 pages.
Reprinted in DATUTOP Journal of Architectural Theory, Volume 23 (2002), pp. 117-139.
Sokal, Alan and Bricmont, Jean, Fashionable Nonsense, Picador, New York (1998).
European title: Intellectual Impostures.
© Nikos A. Salingaros 2002
© INTBAU 2002
© der Übersetzung: Umbau-Verlag 2004