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architecture & urbanism |
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Dieser Text von Rob Krier erschien 1975 als Nachwort zur ersten Auflage von "Stadtraum in Theorie und Praxis an Beispielen der Innenstadt Stuttgarts", und ist auch in der zweisprachigen Neuauflage von 2005 zu finden. Nach mehr als dreissig Jahren hat er (vielleicht unglücklicherweise) nichts von seiner Aktualität eingebüsst.
So schloß eine Dutzendschaft unter Deutschlands prominentesten Architekten ein Manifest zur Architektur als Neujahrsgruß 1974, welches in mehreren Architekturzeitschriften erschienen ist. Ein Jahr später um dieselbe Zeit, in der nicht nur Architekten von etwas Melancholie befallen werden, drängte es mich, eine Antwort auf diesen Aufruf zu verfassen. All denjenigen, die meine Schrift durchstudiert haben, mag klar geworden sein, was ich unter der Stadt und ihrer Architektur verstehe. Um dies zu verdeutlichen habe ich ausreichend Bildmaterial gezeigt. Ich glaube, daß ein manifestartiges Begleitwort viele meiner Thesen bekräftigen kann. Es ist ja nicht nur der Verlust des hier behandelten Stadtraumes alleine, der unsere Städte so entstellt hat, sondern auch die Mittelmäßigkeit der Architektur. Mein Bruder Léon, der in London als Architekturlehrer tätig ist, hat zur Klärung wesentlicher Theorieansätze beigetragen. Wie wertvoll diese Ansätze sind, wird die Fachdiskussion zeigen, die dieses Buch hoffentlich aufwirft. Die Gegner dieser Stadtraumtheorie kenne ich aus meiner Architekturpraxis. Sie sind nicht in den Reihen der Stadtbewohner oder Stadtnutzer zu suchen, sondern sie werden in der Masse der Fachspezialisten aufstehen, denn diese werden ihr leichtes „Geschäft“ mit der Architektur in Frage gestellt sehen.
Alle gebauten Architekturen wurden von Architekten gezeichnet. Sie allein tragen das Autorenrecht für diese Schöpfungen und sie allein, so glaube ich, sind dafür zur Rechenschaft zu ziehen, wenn ihnen kapitale Fehler unterlaufen sind. Das zitierte Manifest zur Architektur klingt allzusehr wie das Plädoyer für einen Freispruch von einer kulturellen Schuld, deren Last und Bedrohung die Autoren sehr wohl verspürten. Und da es zum schlechten gesellschaftlichen und beruflichen Ton gehört, mit dem Finger auf einen Kollegen zu zeigen, wurde in den Forderungen des Manifests auch lediglich ein einziger Satz an die Architekten gerichtet und zwar die Forderung auf die Besinnung ihrer ganzheitlichen Mission. Das ist zuviel und zuwenig zugleich! Ich möchte an diesem „mea culpa“ noch etwas weiter bohren und betonen, daß ich damit nicht nur die Prominenten, Dekorierten und Erfolgreichen anvisiere, sondern auch die Generation, die am deutschen Bauvolumen noch nicht teilhat. Es ist müßig, wenn der Architekt sich darüber beklagt, sein Bauherr habe kein Verständnis für Gestaltungsprobleme, und daß die Architektur, die aus seinem Auftrag entstand, sich den Geschmacksvorstellungen seines Bauherren anpassen mußte. Mit viel beruflichem und didaktischem Engagement ist manch ein Bauherr zu überreden. Das zehrt natürlich am Honorar des Architekten. Zu diesem ersten Schritt seien wir ehrlich sind verschwindend wenige von uns bereit. Und ach, wie einleuchtend solche Überforderung kann niemandem zugemutet werden außer Träumern und Poeten. Wie viele Kollegen haben den Mut, einen Auftrag zu kündigen, wenn der Bauherr die vom Planer angestrebte Qualität verweigert? Ich plädiere also dafür, daß wir, die Architekten, zu der Verantwortung stehen, die wir mit unserer Unterschrift unter die gezeichnete und zur Realisierung freigegebene Architektur eingehen und nicht weiterhin die Schuld für unser eigenes Versagen auf die bösen Klienten abwälzen. Versetzen wir uns in die Lage eines Menschen, der eine Lampe kaufen will. Unsere Testperson hat von Berufswegen nichts mit der Herstellung und dem Vertrieb von Lampen zu tun. Sie ist also vollkommen unbelastet und erwartet die Befriedigung ihrer geschmacklichen Ansprüche einzig und allein von Seiten der Spezialisten, die sich ein Leben lang um das Problem Lampe mühen und folglich etwas davon verstehen müssen. Betrachtungen zur Nützlichkeit und Funktionstüchtigkeit der zu erwerbenden Lampe wollen wir zunächst außer Acht lassen. Das Angebot, welches unser Käufer vorfindet, ist so reichhaltig, daß er nach der Besichtigung von drei oder vier Geschäften mit seiner Entschlußlosigkeit hadert und verzweifelt eine Wahl trifft, die auf seinen Geldbeutel zugeschnitten ist. Denn auch der unvorbereitete Käufer versteht sehr schnell, daß gut gestaltete Lampen meist teuer sind und daß das zeitraubende Suchen nach dem guten und erschwinglichen Objekt oft erfolglos verläuft. Solche Nöte sind ihm vom Schuh-, Hut- oder Möbelkauf her allgemein vertraut. Jeder von uns hat das Beispiel Lampenkauf schon erlebt und jeder hat sich schon gefragt, nach welchen Kriterien dieses Kitschkaleidoskop zustande kommt. Ursächlich ist die Frage nach der Qualität der Lampe der Frage nach der Qualität der Architektur sehr verwandt. Wer ist schuld an der Mittelmäßigkeit des Angebots? Der Produzent, der Gestalter oder der Abnehmer? Produzent und Designer verschaffen sich nach fragwürdigen Marktforschungen ein klischeehaftes Kundenbild. Sie arbeiten bewußt mit verlockenden, zum Kauf verführenden Gestaltungsmustern, die kaum etwas mit dem Zweck des Objekts zu tun haben. Und wer kann dem Käufer übel wollen, wenn er in diesem Gestrüpp von Geschmacklosigkeiten einen Fehlgriff tut? Ähnlich ergeht es dem Architekturkunden...! Ich erlebe immer wieder, daß Architekturlaien die negativen Qualitäten unserer gebauten Umwelt mit untrüglicher Sicherheit entlarven, und zwar ganz einfach indem sie altes mit neuem vergleichen. Die Antwort der Fachleute auf diese Kritik windet sich um die Kernfrage herum mit Bemerkungen wie „Das sind die Zwänge der Wirtschaftlichkeit, der Technologie, des Verkehrs, der Politik, ...“. Doch all diese Zwänge rechtfertigen nicht die oberflächliche Behandlung unseres „Patienten“ Architektur. Man kennt diesen schon so lange im kranken Zustand und hat Mühe, sich ihn gesund vorzustellen. Die Forderung nach „mehr Gestalt“ in unserem Manifest wirft indirekt die Frage nach der Art von Gestalt auf, die darunter verstanden wird. Ähnlich wie im Beispiel Lampenkauf kann Gestalt in der Architektur viele Interpretationen erfahren. Vor allem muß man wissen, welche Rolle sie im Gesamtgefüge eines architektonischen Systems spielt. Die drei wichtigsten Determinanten, welche Architektur prägen, sind Funktion, Konstruktion und Gestalt. Keinem dieser Faktoren gebührt der Vorrang vor dem anderen und keiner darf zugunsten des einen oder anderen vernachlässigt werden. Im Entwurf müssen sich diese Schritte immer parallel vollziehen und weder das Organisieren, noch das Konstruieren, noch das Gestalten dürfen sich verselbständigen. So wird Architektur immer als Resultat all dieser Prozesse ein sinnvolles Abbild des inneren Gefüges sein müssen, ohne daß unbedingt die ganzen „Innereien“ außen in Erscheinung zu treten brauchen. Die Gestalt des menschlichen Körpers ist seit eh und je Vorbild für die strukturellen Gesetzmäßigkeiten in der Architektur. Die Natur liefert uns zudem noch unzählige weitere Beispiele, deren ästhetische Erscheinungsformen in einem perfekten Verhältnis zum biologischen System stehen. Die Frage nach der Gestalt ist die Frage nach der Architektur schlechthin, und diese ist mit rein verbalen Formulierungen nicht zu beantworten. Die Architektur, die wir meinen, muß gezeigt werden, und das zumindest in Zeichnungen. So bleibt also jede manifestartige Auseinandersetzung mit diesem Thema immer blinde, esoterische Spielerei, und als solche betrachte ich auch diese Zeilen. Das mindert nicht die Bedeutung des Gesprächs über Gestalt. Was Architektur auch immer sein mag, sie muß einen ästhetisch ausgewogenen Eindruck hinterlassen, wie die vorher zitierten Beispiele aus der Natur. Ich habe noch nie einen Baum gesehen, der ästhetisch falsch oder fehlerhaft schien. Dasselbe gilt für die Landschaft. Architektur darf nicht nur interessant, modisch oder aktuell sein, sie muß auch mit der Zeit dem Wandel an Funktionen standhalten und in ihren typischen Merkmalen so stark sein, daß die Spuren des Gebrauchs und der Abnutzung ihr nichts anhaben können. Was Architektur außerdem noch alles sein muß, das können wir an seltenen Meisterwerken sehen, die uns die Geschichte erhalten hat. Unsere Zeit ist über alle Maßen arm an solchen Beispielen. Halten wir zum Schluß dieses Abschnitts fest, daß einzig und allein der Architekt für die Gestalt seiner Architektur verantwortlich ist. Die folgenden Betrachtungen befassen sich mit den Ursachen der „zu schlechten Architektur“, und ich wende mich mit den folgenden Ratschlägen an den schon apostrophierten Verursacher den Architekten.
können sich die meisten Kollegen offensichtlich nicht leisten. Die Gebührenordnung, welche die Architekten sich geschaffen haben, entschädigt in der Tat nur eine Mindestleistung. So betrachtet kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden, wenn er sich zuwenig um Architektur bemüht. Die Reform dieser Gebührenordnung, mit der sich unsere Kammern schon seit Jahren befassen, muß endlich abgeschlossen werden. Womit natürlich noch keinerlei Hoffnung auf eine bessere Architektur verbunden werden darf. Die Zeit ist der kapitalste Faktor im Planungsprozeß, dreißig Jahre Nachkriegsarchitekturen leiden daran, daß sie auf dem Papier nicht ausreifen konnten. Seit Menschengedenken verwirklicht sich die Architektur durch das Medium der Zeichnung. Die Herstellung derselben geschieht nach wie vor auf manuellem Wege und demzufolge mit der ihr eigenen Trägheit und Gemächlichkeit. Dieser mühevolle Arbeitsprozeß ist dem des Malers, Musikers oder Schriftstellers verwandt. Die Wissenschaft liefert noch keine Indizien dafür, daß der Entwurfsprozeß durch elektronische Hilfsmittel vollzogen werden könnte. Frage: „Warum sollte der Architekt nicht versuchen, seine Aufgaben in der kürzest möglichen Zeit zu absolvieren; mit einem Minimum an Arbeit und einem Maximum an Profit?“ Antwort: “Er erfindet Objekte, die durch ihre Beschaffenheit mit die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen als Individuum und Kollektiv erfüllen müssen. Diese Bedürfnisse haben nicht nur rein nützlichen, sondern auch ethischen, sozialen und kulturellen Charakter, also um einiges mehr als ein normales Konsumgut. Architektur hat sogenannte unbegrenzte Lebensdauer, steht somit auf nicht absehbare Zeit in der Landschaft, die sie mit ihren Merkmalen positiv oder negativ beeinflußt. Jede Architektur, und sei sie noch so privat gedacht, hat eine öffentliche Rolle zu spielen, ob sie will oder nicht. Und diese kann weiß Gott zum permanenten kulturellen Ärgernis werden.“ Auf diesem Gebiet sind also die elementarsten Manager- und Kaufmannsregeln nicht wörtlich anwendbar. Dazu gehört der Faktor Zeit, der zur Ausreifung der komplexen Zusammenhänge von Funktion, Konstruktion und Gestalt ganz einfach benötigt wird. Die sogenannten genialsten Gestalter brauchen in der Regel am meisten Zeit, bis sie ihr Produkt zum Bau freigeben.
ist ein anderer bedeutsamer Faktor in der Herstellung von Architektur. Er richtet sich fast ausschließlich nach den Finanzierungsplänen des Bauherren und übt somit einen oft verheerenden Druck auf die Planerteams aus, dem diese wiederum nicht ausweichen können. Ein beliebter Werbeslogan von Fertighausfirmen ist die Hervorhebung der kurzen Bauzeit. Außer, daß sich dadurch die Reparaturanfälligkeit erhöht, wird sich später niemand für diesen Faktor interessieren.
Architektur wird nicht nur im Durchschnitt in zu kurzer Zeit geplant und gebaut, es wird auch von zu wenigen Architekten zu viel in dieser entsprechenden Zeit verplant. Auch hierin ist der Berufsstand den Verlockungen einer freien Marktwirtschaft auf den Leim gegangen. Die Bauaufgaben sind ins Gigantische gewachsen. Die öffentliche Hand oder die gemeinnützigen Bauträger suchen zur Bewältigung dieser Aufgaben diejenigen Planerteams, welche in Höllentempo und unter vollem Einsatz breitgestreuter Fachkenntnisse die Aufgabe rationell, ganzheitlich und einheitlich lösen. Ich will hier nicht die Leistungsfähigkeit gutorganisierter Teams in Frage stellen. Die deutsche Nachkriegsarchitektur ist in der Regel perfekt organisiert über die Bühne gelaufen. Diese Tugend ist hierzulande keine Mangelware. Aber die einheitliche Trostlosigkeit neuzeitlicher Großbaustellen, die aus solchen Teams hervorgehen, treibt sogar schon Architekturlaien auf die Barrikaden. Dies ist ein gutes Zeichen für den gesunden Menschenverstand derjenigen, die Architektur benutzen und ist auch eine Hoffnung, daß die Reform an der Architektur von außen her möglich scheint. Ich sprach davon, daß Architektur sich nicht als Konsumgut vermarkten läßt. Wir mußten aus der Entwicklung lernen, daß große Bauaufgaben nicht automatisch besser durch entsprechend größere Teams gelöst werden. Die Gesetze der Fließbandarbeit können nicht auf das Entwerfen und Ausarbeiten von Architektur übertragen werden. Die großen Bauaufgaben können auch von großen Büros in kurzer Zeit nur durch Simplifizierung der Probleme gelöst werden. Bei der technischen Optimierung wird dann allzu leicht das Maß dessen überschritten, was die konstante Einheit „Mensch“ physisch und psychisch verkraften kann. Hier stoßen wir auf das Problem des Maßstabs, welches später noch getrennt unter die Lupe genommen werden soll. Die Faszination unserer historischen Städte beruht einzig und allein auf der nahezu unendlichen Vielfalt ihrer Stadtraumformen und der diesen zugeordneten Architekturen. Jede Epoche hat ihre technischen Mittel auf ihre Weise rationalisiert, ebensogut im Fachwerkbau wie im Massivbau aus Ziegel oder Sandstein. Die Architektur hat dadurch nie Schaden gelitten im Gegenteil! Der Reichtum der Ausdrucksformen kommt aber vor allem daher, daß die Bauaufgaben für den einzelnen Architekten überschaubar blieben, die Zeit zur Ausarbeitung der oft unendlich komplizierten Bauteile zur Verfügung stand und die Architektur als Kunstform auch vom Bauherren verstanden und gefordert wurde. Man wußte noch, wie man in der Stadt zu bauen habe, und wie anders in der Landschaft. In der Stadt hatte Architektur zur historischen Substanz im Dialog zu stehen und sich nicht wie heute üblich gegen alle Grundstrukturen der Stadt abzusondern, um ein merkwürdiges, nicht mehr zu integrierendes Einzelleben zu führen. Jede Neuplanung in der Stadt hat sich der Ordnung des Gesamtgefüges zu unterwerfen und in ihrer Gestalt eine formale Antwort auf die räumlichen Vorgaben zu leisten! Ich wage zu behaupten, daß dies eine Schlüsselformel ist, die wenn sie richtig interpretiert wird unsere einseitigen Konzepte an den Wurzeln kurieren kann. Ich erwähnte, daß die Vielfalt unserer historischen Städte etwas mit ihrem Maßstab zu tun hat. Das gilt für Bürgerhäuser, wie für Paläste größeren Ausmaßes. Die Sucht der unartikulierten und brutalen Gigantomanie ist ein Phänomen unserer Zeit. Es gab nie vorher in der Baugeschichte eine Epoche, in der man identische Bauteile horizontal und vertikal so undifferenziert addiert hat wie heute. Dies ist ohne Zweifel ein Produkt von rein arithmetischem Kalkül und rein taktisch würde ich mir schon einiges davon versprechen, wenn große Bauaufgaben so strukturiert würden, daß sich viele kleinere Architektenteams beteiligen könnten vorausgesetzt, daß diese Gruppen von Superindividualisten in der Lage sind, so zusammenzuarbeiten, daß ihr Produkt (zum Beispiel eine Siedlung von 500 Wohnungen) auch nachher wie aus einem Guß dasteht mit dem Gewinn der größeren Vielfalt und ohne dabei ihren Bauherren in den finanziellen Ruin getrieben zu haben. Es wurde in letzter Zeit viel von Partizipation geredet. Ich plädiere hier für die Partizipation der vielen auftragslosen Architekten an den wichtigen Bauaufgaben unserer Zeit. Ich befürchte nur, daß dieser Berufsstand zu einer Reform aus dem Inneren heraus nicht in der Lage ist. Mir scheint, daß wir von unserer Ausbildung her dafür nicht vorbereitet sind. Der Gesetzgeber könnte diesem lädierten Berufsstand etwas auf die Beine helfen, indem er diese Partizipation durch entsprechende Wettbewerbsverordnungen erwirkt.
welches am Zeichentisch ausgeübt wird. Wer als Bürochef seine meiste Zeit auf das Organisieren und Akquirieren verwendet, verliert nicht nur die Routine, sondern auch das Können im Umgang mit dem Bleistift. Manche Kollegen sind darauf auch noch stolz und erwähnen diese Tatsache als Tribut an ihren Erfolg. Ich kenne keinen guten Architekten, der schlecht gezeichnet hat und dieses Handwerk nicht mit der entsprechenden Leidenschaft gepflegt hätte. Die Perfektion der räumlichen Konzeption hängt direkt mit der Perfektion der Zeichnung zusammen. Hier hilft weder das beste Management, noch die klügsten verbalen Ergüsse. Wer sich dieser Disziplin entzieht, hat seinen Beruf abgeschrieben.
die man wie ein abgewetztes Hemd rasch gegen das neue austauscht. Genau so aber ist es in der heutigen Praxis. Auf internationaler Bühne wechselt das „Styling“ so schnell wie die Form der Beinkleider. Und was in England gerade fertiggestellt wurde, steht im nächsten Jahr auch schon in Japan und dabei scheinbar noch um einiges perfekter. Wir stehen in einer Ära der unbegrenzten technischen und formalen Möglichkeiten und gerade dieser scheinbare Fortschritt entlarvt sich als der Pferdefuß dieser Epoche, die noch alle Merkmale einer experimentellen Aufbauphase in sich trägt. Wir gehen jedoch etwas zu leichtfertig mit dieser Freiheit um. Was ich hoffnungsfroh als Aufbauphase bezeichnet habe, sehen andere als Merkmal einer Untergangssituation. Ohne diese Visionen bewerten zu wollen, möchte ich nur raten, etwas an Übertreibungen zu sparen. Die Hoffnungen in die Superlative haben sich nicht erfüllt, weder von Seiten der Technik, noch von anderer Seite. Der Ansturm von Adolf Loos gegen das Ornament war auf seine Art ebenso maßlos und unglaubwürdig wie die einseitige Auslegung des Slogans „form follows function“. Die Wahrhaftigkeit von Architektur hat sehr viel gemeinsam mit der philosophischen Dimension des Seins, über das sich ebensowenig oberflächlich abhandeln läßt. Die Modeschürzchen stehen ihr schlecht. Ich glaube, daß sich kommende Generationen ohne viel Zögern der architektonischen Fehlplanungen entledigen werden. Diese Epoche hinterläßt ihren Kindern einen gewaltigen Müllhaufen von nicht mehr zu verwertendem Baumaterial. Hier sind wiederum die Architekten angesprochen, mit ihrem Individualitätsdünkel maßzuhalten, sich nicht von oberflächlichen Modeerscheinungen eingarnen zu lassen und sich auf die typischen Merkmale der Architektur zu besinnen, die alle Moden überdauern.
spielt in unseren Betrachtungen eine enorme Rolle. Ich will hier nicht Amoklaufen gegen große Komplexe und hohe Häuser, so wie vor achtzig Jahren gegen die Eisenbahn mit ihrem Feuerwagen gewettert wurde. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß zum Beispiel hohe Bauten bei uns auch große Abstandsflächen erfordern, welche die Hochbauten zum Selbstzweck stilisieren, ohne daß die gewonnene Bodenfläche entsprechend genutzt werden könnte. Leere Grünflächen zwischen Hochhäusern sind ebenso kommunikationshemmend wie die Bauten selbst. Kleinmaßstäbliche Straßen- und Platzformen haben sich über Jahrtausende als typenhafte Kommunikationszonen bewährt. Darunter verstehe ich Maße, die zu Fuß bequem abgeschritten werden können, oder in der Höhe die Anzahl an Stockwerken, die über Treppen zu erreichen sind. Das klingt alles sehr altmodisch, muß aber ernsthaft überdacht werden, wenn man die schon erwähnte unveränderliche Einheit „Mensch“ ernst nimmt. Mir liegt an diesem Faktor um so mehr, als die meisten mir bekannten Hochbauten ohne dringende Not hochgezogen wurden. Dabei werden diese Bauten zu bevorzugten Werbeträgern und künden in der Stadtsilhouette von der Macht eines Konzerns, eines Stadtoberhauptes, usw. Wir haben diese Dummheiten satt, diese Protzerei interessiert niemanden. Mit ihrer besseren Sicht über Stadt und Land sind schon manche komfortabel vereinsamt. Wir wissen noch zu wenig über die Auswirkungen dieser Bauart auf den Menschen. Als Experimentierobjekt finde ich ihn zu schade. Andere nicht sie haben diesbezüglich keine Skrupel! Seit ich Kinder habe, denke ich anders über dieses Problem als vorher.
ist an manchen Fehlinterpretationen der Vergangenheit schuld und charakterisiert auch unser Verhältnis zur Zukunft. Es ist reine Blindheit, sich von dem geschichtlichen Erbe entbinden zu wollen. Damit beraubt man sich der Erfahrungsquelle von mehreren Jahrtausenden. Diese Haltung ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Pionieren der Moderne oft frivol ausposaunt worden. Sie alle hatten jedoch eine solide Erziehung genossen und waren über die Geschichte sehr wohl aufgeklärt. Diese Haltung läßt sich als eine Trotzreaktion erklären, die vor allem ihren Standpunkt apostrophieren sollte, gegenüber den noch im alten „Muff“ verharrenden Akademieschülern, die sie ja auch selbst waren. Anders verhielt es sich mit den Schülern der Pioniere und wiederum mit deren Schülern. Sie glaubten auf die Basis, die den Pionieren die Entwicklung der Moderne gestattet hatte, verzichten zu können. Und ausgestattet mit diesem ärmlichen „know-how“ müssen wir heute viel Versäumtes nacharbeiten. Ich habe die leise Ahnung, daß uns hieraus eine neue Pioniersituation erwächst. Wir haben erfahren, wie wenig der technische Fortschritt bewirkt und wie schnell der Glanz der Erfindungen verblaßt, wenn nicht mehr als die technische Neuheit dahintersteht. Das schmälert nicht die Verdienste der experimentellen Technologie, es relativiert sie nur. Sie muß sich hüten, alleinvertretend eine ganze Entwicklung anführen zu wollen mit einem nicht zu rechtfertigenden universellen Anspruch. Ich gehe so weit, zu behaupten, daß es heute nützlicher ist, etwas „Altes“, Bewährtes nachzumachen, als etwas Neues zu erstellen, welches das Risiko eingeht, daß Menschen davon Schaden erleiden. Die vernünftigen und faszinierenden Haustypen und Stadtraumstrukturen, die uns die anonyme Baukunst überliefert hat, sind von unzähligen Generationen verbessert worden. Sie sind zu Meisterwerken herangereift auch ohne den genialen Einzelschöpfer aufgrund eines perfekt optimierten Wissens um die Bedürfnisse des Bauens mit einfachen Mitteln das Ergebnis einer richtig verstandenen Tradition als Erfahrungsübermittlung in Technik und Kunst. Bei so viel Ermahnungen befällt einen die entsprechende Melancholie und man befürchtet, diesem gestellten Anspruch nicht gerecht werden zu können. Aber um nicht die ganze Schuld bei den bauenden und verwaltenden Architekten zu belassen, muß gerechterweise ein Teil dieses Kehrichts bei den Hochschulen abgeladen werden, von wo die ganze Lawine ins Rollen kommt. © Rob Krier & UMBAU-VERLAG 2005 |
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