Dieser Essay erschien zuerst in Englisch auf den INTBAU-Essay-Seiten und wurde uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt.
Robert Adam
Heimlicher Modernismus in
der Welt der Revision
Willkommen in der Welt der Revision. In dieser Welt muß jedes Urteil, egal wen es betrifft, durch Expertenurteil legitimiert werden: die Revision. Dies ist eine Welt, in der Fairness, Gleichheit und Diskriminierung von Experten definiert werden, manchmal von einzelnen, meist jedoch - zur größeren Sicherheit - von Gruppen. Nichts ist heilig. Qualität, Schönheit und Großartigkeit müssen durch Messung und Beobachtung nachgewiesen werden. In der Welt der Revision kann sich niemand erlauben, ein Urteil auf der Basis von Geschmack, Vorlieben oder Ideologie abzugeben.
Oder etwa doch?
Die Welt der Revision hat sich der Industrie bemächtigt. Sie hat z.B. zur Einführung und wuchernden Vermehrung von Sicherheitstechnikern geführt. Das Leben an sich ist gefährlich, und es gibt eine endlose Zahl an Möglichkeiten, wie man es sicherer machen könnte. Somit haben Bau-, Gesundheits- und Sicherheitsinspektoren, Straßentechniker und andere eine unbegrenzte Zukunft im Kampf um die Minimierung des Risikos. Sobald eine Revision ergibt, daß etwas noch sicherer sein könnte, gibt es kein Entrinnen. Niemand darf es wagen, dieses Ergebnis - so albern es auch sein mag - zu ignorieren, aus Furcht, dieser eine Fall in fünf Millionen könnte tatsächlich in diesem Gebäude, an diesem Ort oder auf dieser Straße eintreten. Dem Sicherheitstechniker sei gesagt, daß geringe Wahrscheinlichkeiten nicht bedeuten, daß etwas praktisch nie geschieht, sondern daß es geschehen wird - allerdings nicht sehr oft.
Die Vorstellung, daß das Urteil der Revision unabhängig sei von Meinungen und Ideologien, ist lächerlich. Der „Grad an tolerierbarem Risiko“ ist eine Ideologie. Jegliche Revision von Sicherheit ist eine Meinung über die Zumutbarkeit von Risiken (mehr oder weniger gestützt auf Beweise). Die Behauptung von Objektivität einer Revision ist eine Nebelwand, die Kritik verhindern soll, den Anwalt in der Untersuchung oder im schlimmsten Fall, den Richter.
Also welche Hoffnung auf ästhetische Beurteilung gibt es in der Welt der Revision?
Damit keine Mißverständnisse entstehen: Ästhetik-Urteile in der Welt der Revision gibt es bereits. Wegen meiner Sünden bin ich vielleicht der einzige, der sich zu diesem Punkt äußern darf. Ich bekenne mich meines geheimen Lebens als Ästhetik-Revisor. Ich begann auf dem unschuldigen Spielplatz lokaler Architektur-Büros, was mich nach 12 Jahren zu ernsthafteren Aktivitäten im Preis-Kommittee des RIBA führte. Wenig zufrieden hiermit verbrachte ich die nächsten 10 Jahre mit Vorsitz und Restrukturierung der „Faculty of Fine Arts of the British School at Rome“, wo ich mich über die Architektur hinaus in die weit gefährlichere Welt der schönen Künste vorwagte, und weitere 12 Jahre im „London Advisory Committee of English Heritage“ verbrachte. Heute arbeite ich in der CABE (staatliche Commission for Architecture and the Built Environment) im Ausschuß für „Design Review“. Jedoch verfüge ich über eine weitere Qualifikation, die meine Erfahrung so einzigartig macht: die überwältigende Mehrzahl der Gebäude (oder Gemälde), die ich positiv beurteilt habe, sind nicht nach meinem Geschmack, meiner Meinung nach irregeleitet und meiner eigenen Vorstellung von Architektur völlig entgegengesetzt. Wie traurig!
Und es ist seltsam, wie es dazu kam.
Für diejenigen, die es nicht bereits wissen; ich praktiziere eine einst übliche, heutzutage jedoch seltene Form von Architektur - traditionell klassische Entwürfe. Es gibt sehr wenige von uns, nicht mehr als sechs in Großbritannien, ungefähr doppelt so viele in den USA und etwa ein bis zwei in den meisten europäischen Ländern. Es hat uns immer gegeben, aber bis in die 1970er oder 1980er Jahre gehörten wir nicht wirklich dazu, schließlich dann nur im Namen des rechtschaffenen Prinzips von Pluralismus - die architektonische Version von Pauschalität. Da ich einer der wenigen meiner traditionellen Kollegen war, die irgendetwas mit dem Establishment zu tun hatte, das sie für so lange Zeit beschimpft hatte, wurde ich zu einer Art „Onkel Tom“ der Traditionalisten, das Gütesiegel für die Pauschalität prinzipiell modernistischer Revisionen. Noch trauriger!
In Folge dessen bin ich ungewöhnlich empfindlich für bedenkliche Äußerungen geworden. Von einem weiblichen Mitglied des Kommittees wurde ich einmal mit einer Frau, bzw. dem Angehörigen einer ethnischen Minderheit verglichen: Frauen erkennen Sexismus selbst dann, wenn Sexisten glauben, sie seien nicht sexistisch; ethnische Minderheiten erkennen Rassismus auch im vorgeblich normalen Verhalten anderer; ich erkenne Modernismus, wenn Modernisten denken, sie sprächen von Architektur. Und aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, daß mit Architektur üblicherweise Modernismus gemeint ist.
Wir alle wissen, daß der Modernismus den Klassizismus vor etwa 50 Jahren als allgemeine Entwurfshaltung abgelöst hat. Vergleichbares hat in allen Kunstformen stattgefunden. Soweit nichts Ungewöhnliches. Wir alle wissen, daß das Establishment in erster Linie sich selbst schützt: es kontrolliert Institute, die besten Jobs, und es kontrolliert die Ausbildung - so war es immer. Der Modernismus hatte dies in den 1930ern und 1950ern zu überwinden; Der Neue Traditionalismus hat gleiches bisher nicht vermocht. Unterschiede in Geschmack, Vorlieben und Überzeugungen sind Teile des Lebens in einer freien Gesellschaft, und wir alle sollten dies akzeptieren.
Aber dann gibt es da das Planungsrecht. Das Planungsrecht ist nichts weiter als eine Beschneidung der persönlichen Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit, „der Freiheit des Genusses von Eigentum“ (um die europäische Menschenrechtserklärung zu zitieren). Unser Planungssystem erklärt ausdrücklich, daß lokale Planungsbehörden schlechtes Design zurückweisen sollen (PPG1, 17). Somit erweitern sich die Beschränkungen des Besitzes um die Beurteilung der Qualität des Designs neuer Entwicklungsprojekte. An dieser Stelle betreten wir die Welt der Revision.
Unterschiedlichkeiten in Geschmack, Vorlieben und Überzeugungen bekommen eine neue und unheilvolle Rolle, wenn man sie mit dem Planungsrecht kombiniert. Plötzlich sind es nicht mehr nur Debatte und unterschiedliche Ansichten - es ist die Möglichkeit, Geschmack, Vorlieben und Überzeugungen mit der Macht des Gesetzes aufzuzwingen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich höre schon den Einwand, wir seien doch in der post-1970er Zeit des Pluralismus und bei der Planungsrevision ginge es nicht um Stil sondern um Qualität.
Aber sicher doch!
In der Welt der Revision sagen die Experten, wie es ist. Natürlich, denn sie sind die Experten und wissen es besser. Experten in der Welt der Revision sind immer das Establishment. Das Establishment in der Architektur ist, fast ohne Ausnahmen, modernistisch. Tatsächlich ist praktisch jeder Architekt ein Modernist.
Diese Ideologie ist so tief verwurzelt, daß die meisten, die sie vertreten, nicht einmal merken, daß sie sie vertreten. Modernismus kann als die Ideologie des Prinzips definiert werden, daß modernes Design, um zeitgemäß zu sein, sich offensichtlich und vorsätzlich von allem bereits dagewesenen unterscheiden muß; unter diesem Gesichtspunkt sind Neuheit und Innovation reiner Selbstzweck. In diesem System ist Modernismus dem Stil übergeordnet, es ist der unvermeidliche Weg vorwärts - ob es einem nun gefällt oder nicht. Die Vorstellung, diese Prinzipien zu befürworten sei eine Stilfrage, wäre die Verleugnung der Prinzipien selbst. Die Befürwortung dieses Prinzips ist somit nicht die Befürwortung eines Stils zu Ungunsten eines anderen, sondern die Befürwortung einer historischen Wahrheit, und die Wahrhaftigkeit eines Designs ist das wichtigste Kriterium der Qualität eines Designs.
Eine ganze Sprache hat sich entwickelt, diese Sichtweise darzustellen. Das Wichtigste dieser besonderen Wörter ist das Adjektiv „modern“, Kurzschrift für „modernistisch“. Tatsächlich ist „modern“ ein unvermeidlicher Zustand des Seins; für den Normalmenschen bedeutet „modern“ etwas kürzlich vorgekommenes, was auch immer das sein mag. Ein ähnliches Adjektiv ist „zeitgenössisch“, die Bedeutung ist praktisch die gleiche.
Meine Bedenken hiergegen werden oft als Fall fortgeschrittener Paranoia bezeichnet (Verfolger bezichtigen den Verfolgten stets der Paranoia). Warum ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil ich erstens der Möglichkeit beraubt bin, meine Arbeit als „modern“ bezeichnen zu können (was sie sein muß); zweitens ist der Begriff im Berufsstand so tief verwurzelt, daß manche zu der Überzeugung gelangt sind, er bedeute für alle das gleiche; und drittens ist er zu einem Code geworden, der sowohl den zufälligen Zuhörer als auch das Ausschußmitglied darüber hinwegtäuscht, daß er nicht Fakten, sondern eine Lehrmeinung zu hören bekommt. Wenn „hochqualitatives, zeitgenössisches Design“ (Places for Living, Birmingham City Council Planning Department, p37) gefordert wird, dann meint der professionelle Revisor „hochqualitatives modernistisches Design“. Anders macht es keinen Sinn. Wenn „zeitgenössisch“ wörtlich bedeutet „existierend zur gleichen Zeit wie jetzt“, wäre der Satz bedeutungslos: „hochqualitatives Design das jetzt designed wird“.
Es gibt eine Unzahl solcher Begriffe: „für das Heute“, „für das 21. Jahrhundert“, „für das moderne Leben“, „heute die Zukunft gestalten“, „für übermorgen“ und natürlich das verführerische „optimistisch“. Jeder dieser Begriffe trägt in sich sein negatives Gegenteil: „nicht für das Heute“, „für irgendeine Zeit vor unserer eigenen“, „für das altmodische Leben“, „morgen die Vergangenheit zerstören“, „für vorgestern“ und natürlich „pessimistisch“.
Und dann gibt es da noch die Begriffe, die blanke Meinungsmache sind: „innovativ“, „ehrlich“, „aufrichtig modern“, „authentisch“ usw. In Anbetracht des eindeutig ideologischen Ursprungs dieser Begriffe ist es erstaunlich, wie oft sie verwendet werden. Der Stadtrat von Birmingham verlangt nach „hochqualitativen, innovativen Vorschlägen“, die „Stiftung Architektur“ unterstützt Änderungen der Leitlinie 15 der staatlichen Planungspolitik (die Historische Umgebung) um zu verhindern, daß „neue Gebäude, die frühere Stile imitieren ... den eigentlichen Artikel wertlos machen“.
Es gibt jedoch auch eine weitaus besorgniserregendere Tendenz, ausgehend von einem bürokratisierterem Planungssystem. Viele Beamte und ihre Mitarbeiter haben keine Hemmungen, die Qualität eines Designs strengstens nach und mit den Begriffen modernistischer Ideologie zu beurteilen. Ich zitiere zwei Beispiele aus Planungsämtern:
„... dieses rigide Verhaftetsein im architektonischen Stil einer vergangenen Ära ... verhindert, daß der Entwurf in die Kategorie „Höchste Qualität“ fällt und ist somit nicht „herausragend durch seine Architektur“...“
„Obwohl Ornament unter gewissen Umständen angemessen sein mag ... sollte eine angemessene Antwort auf jüngste Entwicklungen modern und innovativ sein...“
Hier sind zwei Beispiele von Kommentaren aus einem Gestaltungsbeirat:
„... dieser Entwurf ... reflektiert nicht ... die kulturelle Periode, in der er errichtet werden soll ... und ist kein Beitrag zum menschlichen Streben nach Fortschritt in Kunst und Architektur...“
„Wenn bloß solches Können und offensichtlich harte Arbeit für den Entwurf eines herausragenden zeitgenössischen Hauses mit Garten verwendet worden wären! ... Wie soll sich Tradition entwickeln und fortschreiten, wenn zeitgenössische Architektur vermieden oder ignoriert wird?“
(Im Interesse der Unparteilichkeit habe ich es vermieden, Kommentare zu meiner eigenen Arbeit anzuführen.)
Ich hoffe, mir wird zugestimmt, wenn ich sage, daß es für Ästhetikkommissionen als Experten unangebracht ist, Eigentümern mittels Planungsrecht ästhetische Ideologien aufzuzwängen. Der Einfluss institutionellen Modernismus nimmt meiner Wahrnehmung nach jedoch zu. Dies liegt meiner Meinung nach an der zunehmenden Bürokratisierung von Planung, der Zunahme von modernistischen Planern, hauptsächlich jedoch an der Welt der Revision, die auf dem gefährlichen Weg ist, einen offiziellen Stil zu etablieren. Diejenigen, die einer modernistischen Ideologie folgen sollten ebenso dagegen sein, wie diejenigen, die sie versuchen, auszuschließen.
Was kann man tun, dies zu vermeiden? Der Welt der Revision werden wir für die nähere Zukunft nicht entkommen.
Zunächst muss das Problem als existent anerkannt werden. Ich hoffe, dies hier trägt seinen Teil dazu bei.
Weiterhin bedarf es unermüdlicher Wachsamkeit. Ich war Mitglied eines Regierungskommittees Umwelt, Transport und Regionen (noch eine Revision) von etwa 20 Personen und einer von bloß zweien, die gegen folgende grobe und sachlich falsche Formulierung modernistischer Ideologie opponierten, die es beinahe in ein Regierungsdokument geschafft hätte:
„Die meisten Orte, die wir heute als besonders angenehm empfinden, wurden nicht erbaut, indem man historische Baustile kopierte.“ Was ist denn mit Bath, Edinburgh New Town, Regent´s Park, Bedford Park? Mir fiele noch mehr ein.
Drittens müssen wir Rahmenbedingungen für Revisionen entwickeln, die die Bewertung der tatsächlichen Aspekte von Planungen in den Vordergrund rückt. Es gibt zwei: CABE´s hervorragender Leitfaden „Design Review“ und „Guidance in the Preparation of Full Planning Applications“ des RIBA.
Paul Finch macht es in der Einleitung zum CABE-Guide deutlich: „Mit gutem Design meinen wir Design, daß seinem Zweck gerecht wird, nachhaltig, effizient, kohärent und flexibel ist, auf den Kontext eingeht, gut aussieht und ein klarer Ausdruck der Anforderungen ist. ... Wichtig ist Qualität, nicht Stil.“
Der RIBA-Guide ist kurz und klar, die ersten Worte sind „Das Befolgen dieser Richtlinien wird kein gutes Design zur Folge haben - gutes Design kann nur von guten Designern hervorgebracht werden. Die Standards sollen die Überlegungen darstellen, die den meisten guten Designs zugrunde liegen.“ In Punkt 8 und ) liegen die Schlüsselprinzipien: „Klare und nachvollziehbare Designprinzipien oder Designvisionen sollen entwickelt werden. Ein Design sollte vollständig mit den Designprinzipien oder-visionen in Einklang zu bringen sein.“ Ein Revisor muss einen Entwurf nicht mögen oder befürworten - aber er kann ihn intellektuell akzeptieren und feststellen, wie weit das Design den vorgeblichen Absichten des Designers entspricht. Dafür braucht es Disziplin, Unvoreingenommenheit und Anstand. Keinem Revisor sollte es daran mangeln.
© Robert Adam 2002
© INTBAU 2002
© der Übersetzung: Umbau-Verlag 2004